
Streifzug durch Rue – erster Teil
Die Heilig-Geist-Kapelle
Rue, eine Gemeinde mit etwa 3.000 Einwohnern, circa zehn Kilometer vom Meer entfernt gelegen, ist ein Ort der Legenden, Geheimnisse, Intrigen und Abenteuer. Um ihre verschiedenen Facetten zu entdecken, hatte ich mich im Tourismusbüro mit Karine Bellart verabredet, neben Virginie Desmarest und Robin Frenel eine der drei für das Kulturerbe zuständigen Mitarbeiter der Stadt. Das Erste, wonach sie vor der Besichtigung fragte: „Haben Sie Platz- oder Höhenangst?" Obwohl beides auf mich zutraf, machte ich mir keine allzu großen Sorgen: einige Monate zuvor hatte ich ja schließlich die Grotten von Naours auch überlebt. Meine sehr sympathische Führerin, die unerschöpflich über die Geschichte ihrer Stadt erzählen konnte, entführte mich auf eine dreistündige Reise durch zwei Jahrtausende, deren drei Etappen ich Ihnen schildern möchte. Hier nun die erste.
Der gestrandete Christus und die Entstehung einer Wallfahrt
Verlassen wir nun das Tourismusbüro, überqueren die Straße und betreten die Heilig-Geist-Kapelle direkt gegenüber. Dieses religiöse Gebäude aus dem 15. Jahrhundert verdankt seine Errichtung einem wundertätigen Christus am Kreuz, der am ersten Sonntag im August 1101 in Rue strandete. Die Stadt, einst am Meer gelegen, versandete seit langem, was sie zu jener Zeit zu einem Strandhafen gemacht hatte, dessen Verschlammung die Hafenaktivität zunehmend bedrohte. Die Nachricht vom wundertätigen Christus verbreitete sich und zog Pilgerscharen an; die Wirtschaft der Stadt war gerettet.
Es heißt, dieser Christus sei Teil einer Dreieinigkeit gewesen, die im 1. Jahrhundert von Nikodemus, dem Jünger Jesu, geschnitzt wurde. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts soll ein Kreuzfahrer namens Étienne sie in Jerusalem bei einem Christen, einem gewissen Gregor, entdeckt haben. Dieser weigerte sich, sie ihm zu übergeben, und zog es vor, sie in die Hände Gottes zu legen. Er legte sie in drei Boote und übergab sie dem Willen Gottes. Der erste Christus jedoch, der um 742 in Lucca in

der Toskana ankam, wo er seitdem aufbewahrt wird, stellt diese Erzählung in Frage. Es scheint daher, dass die beiden anderen Christusfiguren – die von Dives-sur-Mer, die ebenfalls auf wundersame Weise in einem Boot an der normannischen Küste ankam, und das Kruzifix von Rue – eher zu einer ikonografischen Familie gehören, die vom italienischen Christus inspiriert ist, da dieser aus dem 8. Jahrhundert stammt, während die beiden anderen um das 12. Jahrhundert geschnitzt worden sein sollen. So fügen sie sich eher in die Tradition der hagiografischen* Erzählungen ein, die im Mittelalter sehr geschätzt wurden.
Die Heilig-Geist-Kapelle: ein steinernes Buch
Wie dem auch sei, Rue erlebte mit der Ankunft des Kruzifixes einen neuen Aufschwung. Bald reichte selbst die weitläufige Pfarrkirche nicht mehr aus, um die Pilgerströme aufzunehmen, ohne den liturgischen Alltag und die Andacht der Gläubigen zu stören. Es dauerte jedoch bis zum 15. Jahrhundert, bis der Bau der Heilig-Geist-Kapelle in Angriff genommen wurde, die bis 1525 reiche Spender wie Isabella von Portugal oder Ludwig XI. anzog. Rechts in der Kapelle befand sich einst der untere Schatzraum, in dem das Kruzifix ausgestellt war. Heute ist die Nische leer, doch der Raum lebt weiter – bevölkert von Statuen, die einst die Fassade schmückten. Vor der Witterung und dem Zahn der Zeit gerettet, warten diese steinernen Gestalten nun auf eine neue Bestimmung. Ganz hinten rechts führte eine dunkle, enge Treppe mit flachen und ungleichmäßigen Stufen den Pilger, der sie möglichst auf Knien erklomm, zum oberen Schatzsaal, wo er seine Gaben hinterlegte, bevor er über eine andere, deutlich besser begehbare Treppe wieder hinabstieg.

Dieser Raum, der in der Blütezeit der Wallfahrten zweifellos einer Schatzhöhle aus Tausendundeiner Nacht glich, enthält heute nur noch eine Pietà, einen Messgewandschrank und eine Statue des Heiligen Wulphi, dessen Reliquien man in der danebenliegenden Kirche aus dem 19. Jahrhundert (nach der Zerstörung der vorherigen erbaut) besichtigen kann, die seinen Namen trägt. Vielleicht ist es sogar besser so, denn nichts lenkt den Blick ab vom Reichtum der Dekoration: Hier verschmelzen späte Gotik und Renaissance zu einem filigranen Spitzwerk aus Stein, aus der eine pflanzliche und tierische Welt hervorgeht – mal fantastisch, mal Abbild des regionalen Lebens. Der Weinstock, Symbol des Weinbaus, und der Hopfen, Zeichen des Bierbrauens, gesellen sich zum Meerkohl und bilden den Rahmen, in dem ein fantastisches Bestiarium und außergewöhnliche Gestalten sich tummeln: So begegnet man hier etwa dem Traubenmann, einem Skelett, einem Salamander, einem Fasanenhuhn – oder ist es gar ein Phönix? –, der einen geflügelten Fuchs füttert. Ein Drache lauert indes einer Schnecke auf, bereit, sie zu verschlingen, sobald sie ihr Haus verlässt, während ein anderer Salamander bereits eine weitere Schnecke verspeist.
Alles hier erinnert an die Buchmalereien mittelalterlicher Werke; ein Gebäude wie ein steinernes Buch, reich an Symbolen und Erzählungen. Ganz wie die Randverzierungen in Handschriften bilden Pflanzen, Tiere und Fantasiegestalten hier eine visuelle Sprache, die die Gläubigen im Mittelalter noch zu deuten wussten. Mit Ausnahme der heute im oberen Saal aufbewahrten polychromen Pietà wurden während der Revolution alle Figuren der Tympanon-Szenen über das Leben Jesu sowie die des heiligen Wulphi enthauptet.
Die Hand Christi: Von der revolutionären Raserei zu Napoleons Feldzügen
Während der Revolution wurde das Kruzifix verbrannt. Von Reue ergriffen, rettete ein Soldat eine Hand Christi, die er einer Nachbarin, einer gewissen Frau Durand, anvertraute. Sie bewahrte sie mehrere Jahrzehnte lang auf, ehe sie ein kleines Stück davon abbrach, das sie in den Saum der Hose eines Soldaten nähte, der zu den napoleonischen Feldzügen aufbrach. Der Mann, der unversehrt in die Heimat zurückkehrte, war anwesend, als die Hand Christi in der Kapelle aufgehängt wurde. Dieser Hand fehlte ein Daumen: das Stück des wundertätigen Christus, das Madame Durand in die Hose des Soldaten genäht hatte. Die Hand befindet sich heute hinter dem Altar der Kapelle, auf dem eine Reliefdarstellung des Kruzifixes zu sehen ist.

Geht man von der Idee einer Ikonographie aus, die sich am Santo Volto von Lucca orientiert – stehend, in einem langen Gewand, mit offenen Augen und symmetrisch horizontal ausgestreckten Armen –, so würde das Bas-Relief der Brüder Duthoit wahrscheinlich weniger dem Original entsprechen als der Christus der „Ankunft des wundertätigen Kruzifixes“, der im 19. Jahrhundert von Albert Siffait de Moncourt, einem Wahl-Ruenser, gemalt wurde. Auf seiner Freske sind allerdings Befestigungsanlagen zu sehen, die zu jener Zeit noch nicht existierten. Der geschnitzte Holzaltar der Brüder Duthoit aus der Restaurierungsphase der Kapelle im 19. Jahrhundert entspricht hingegen dem neugotischen Geschmack der damaligen Zeit. Es könnte sich um die Restaurierung eines älteren Altars handeln, ebenso gut aber um eine Neuschöpfung

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oder eine Nachschöpfung, die von der mittelalterlichen Tradition inspiriert ist. Da jedoch keine detaillierte Beschreibung des ursprünglichen Kruzifixes von Rue vor seiner Zerstörung existiert, bleibt jede Aussage über sein genaues Aussehen hypothetisch – und das Geheimnis ungelüftet.
Die anderen Fresken der Kapelle: Königliche Huldigung und mittelalterliches Wunder
Der Künstler, der mit der Ausschmückung der Kapelle beauftragt war, hatte zudem zwei weitere Fresken geschaffen: die Wallfahrt Ludwigs XI. – eines großen Gönners der Kapelle – und das Pferdewunder, das eine mittelalterliche Episode schildert. Damals hatten die Bewohner von Abbeville vor dem Pariser Verwaltungsgericht die Übergabe des Kruzifixes gefordert: Sie argumentierten, Rue, eine Stadt ohne Befestigungen, könne den Angriffen der Wikinger nicht standhalten und riskiere so, das wundertätige Kreuz zu verlieren. Die Ruenser hingegen unterstellten der Bevölkerung Abbevilles, dies sei nichts als purer Neid. Die Legende erzählt, dass die vier Pferde, die vor den Karren gespannt waren, um das Kruzifix nach Abbeville zu bringen, sich plötzlich weigerten, weiterzugehen – als wären sie von Gottes Hand festgehalten. Stattdessen drehten sie um und brachten ihre kostbare Fracht zurück auf den Kirchplatz von Rue. Gott hatte entschieden: Das Kruzifix blieb in Rue.

Die Heilig-Geist-Kapelle bietet sich dem Besucher als eine fesselnde Erzählung dar, abwechselnd Hommage an Gott, fantastisches Märchen oder Kapitel der Geschichte, die uns durch ihre Legenden bis in die Zeit der Jünger Christi entführt und es uns ermöglicht, durch die Epochen zu navigieren. Dafür muss man nicht einmal die gesamte Kapelle besichtigen, es genügt einfach einzutreten, im Narthex** stillzustehen und die Ruhe und das Wunderbare auf sich wirken zu lassen.
Hier endet der Besuch der Heilig-Geist-Kapelle. Im zweiten Teil meines Streifzugs durch Rue werden wir 76 Stufen erklimmen und dem Maler Albert Siffait de Moncourt wieder begegnen.
* Die Hagiographie bezeichnet erbauliche Erzählungen aus dem Leben von Heiligen, die Legenden, Wunder und Tugenden dieser Personen vermischen.
** Eingangshalle
Denkmalschutz & Tourismusbüro
10 Place Anatole Gosselin
80120 Rue
Karine Bellart, Virginie Desmarest und Robin Frenel bilden das Denkmalpflege-Team. Im Tourismusbüro, das sich seine Räume mit dem Museum der Brüder Caudron teilt, heißen Ihnen Virginie und Robin das ganze Jahr über mit einem Lächeln willkommen: Dienstag bis Samstag von 9:30 bis 12:30 Uhr und von 14:00 bis 17:00 Uhr.
Geschlossen sonntags, montags und an Feiertagen.
Telefon: +33 3 22 25 69 94
E-Mail: servicedupatrimoine.rue@gmail.com
Website: www.rue-baiedesomme.com
Facebook: Rue en Baie de Somme

Karine Bellart

Robin Frenel

Virginie Desmarest
Kapelle zum Heiligen Geist
Place Anatole Gosselin
80120 RUE
Öffnungszeiten:
Von Mitte Januar bis Mitte Dezember,
Dienstag bis Samstag, 10:00-16:30 Uhr
Kirche Saint-Wulphi
Um die Kirche Saint-Wulphi zu besuchen, in der die Reliquien des heiligen Wulphy aufbewahrt werden, geht man einfach rechts an der Kapelle vorbei, längs am Fachwerkhaus – die Kirche befindet sich direkt dahinter.
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Öffnungszeiten:
Täglich von 10:00–17:00 Uhr.
Die heilige Messe findet jeden Sonntagmorgen (außer in Ausnahmefällen) um 11:00 Uhr statt.


















