
Das Atelier 22 – Galerie und Ort der künstlerischen Schöpfung
Ein Schmelztiegel der Künste und der Generationen in ländlicher Idylle




In Neuville-Coppegueule erhebt sich gegenüber der Kirche Saint-Pierre ein Gebäude aus dem Jahr 1880, das bis in die 1950er-Jahre zugleich Rathaus und Knabenschule war. In den darauffolgenden Jahrzehnten diente es abwechselnd als Jugendhaus und als Boule-Club, später – bis 2021 – als Wohnstätte. Schließlich wurde das Gebäude, wo sich einst die Feuerwehr versammelte und lange die Stimmen eines probenden Kinderchors nachhallten, verlassen und dem Verfall preisgegeben. Vögel nahmen den Dachboden in Beschlag, und allmählich begann das Haus zu verfallen – denn auch Häuser brauchen, wie Menschen, Wärme und Zuneigung, um nicht zu sterben. Dieses jedoch fand zwei Retter: Lysiane Lécuyer und Philippe Deverdieu-Fouchard, beide leidenschaftlich der Kunst verbunden und zugleich verliebt in dieses traditionelle Backsteingebäude mit seinem Schieferdach, den Gauben und einem Klassenzimmer mit hohen Fenstern, durch die wohl manches Mal die Fantasie der Schüler sich auf kleine, wilde Abenteuer hinausstahl.
Wie zwei Seiltänzer zwischen Vergangenheit und Zukunft
Lysiane aus Neuville-Coppegueule und Philippe aus der Sologne begegneten einander in der Schweiz – am Theater. Sie war Schauspielerin, er Kostümbildner. Sie verliebten sich, und das Leben führte sie nach Paris, wo Philippe vierzig Jahre lang die Nähateliers großer Modehäuser leitete: Dior, Lacroix, Saint Laurent, Jean-Paul Gaultier, Mugler, Chloé und Balenciaga. Von den
Anfängen ihrer Liebe bis heute gingen sie gemeinsam den Weg der Kunst. Lysiane wandte sich ganz der bildenden Kunst zu Beginn der 2000er-Jahre zu, und Philippe schloss sich ihr bald an. Seither arbeiten sie Hand in Hand und inspirieren einander. Schreitet man über die Schwelle des Ateliers 22, so betritt man einen Ort des Schaffens und der Erinnerung: Ein Schwarm von Kristallstopfen ergießt sich kaskadenartig in den offenen Raum der geschwungenen Treppe, während sich in einer großen Vitrine eine Sammlung überdimensionaler Flakons zeigt – darunter ein eindrucksvoller Stiletto des Duftes Good Girl von Carolina Herrera. Sie erinnern den Besucher daran, dass er sich im Herzen der Glass Vallée befindet, dem weltweit führenden Zentrum für Luxusflakons. Über der imposanten Flakonvitrine wacht eine Hüterin: eine Schaufensterbüste. Sie verkörpert die fließende Eleganz der Silhouetten, die der legendäre Modeillustrator René Gruau einst für Christian Dior ersann.


Zwar wurde das Innere des Gebäudes renoviert und modernisiert, doch ist die Vergangenheit stets spürbar. Sie zeigt sich in Andeutungen, wie in einem feinen Wechselspiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit. So rahmten zwei Pfeiler, die heute Raum für freie Inszenierungen bieten, einst den Ofen, der die Schüler und ihren Lehrer vor der Winterkälte schützte. Lysiane und Philippe bewegen sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Sie schöpfen ganz selbstverständlich aus den Schätzen vergangener Tage, um sie in die Gegenwart und in neue Vorstellungswelten zu überführen.
Wenn das Schlichte unendlichen Reichtum offenbart
Die Ausstellung „Cannage“ (Flechtwerk) veranschaulichte dies eindrucksvoll. Gleich am Eingang setzte Lysianes Werk „Larmes“ (Tränen) den Ton: Ein Napoleon-III-Stuhl ohne Sitzfläche schien in rote
Stofftränen zu zerfließen, die entlang des vom Kunsttischler Yves Soyergefertigten markanten Gestells herabströmten und sich auf dem Boden ausbreiteten. Diese Tränen standen gewiss für Leid, doch ebenso für Würde und Wohlstand. Sie erzählten vom Grenadier Pierre-Nicolas Tourneur, der 1813 nach einem Feldzug Napoleons aus der Gefangenschaft in Bayern die Technik des Flechtens mitbrachte, die den Reichtum der Region begründete. Zugleich verwiesen sie auf die harte Arbeit der Stuhlflechterinnen und der Stuhlmacher, die Schönheit ihrer Gesten und den allmählichen Niedergang eines ganzen Handwerks.
Aus Binsen und Fantasie
Auf Lysianes „Larmes“ folgte ein Reigen von Kreationen – eher Skulpturen als Kleider –, die altes, teils beschädigtes Flechtwerk veredelten. Stickereien, Spitzen, alte Posamente und Pompons trafen auf Ketten und Federn. Die Silhouetten wechselten zwischen körperbetonten Bustiers und fließenden Linien und vereinten die Strenge der Binsen mit Wachstuch, das Geflecht aus Stroh mit silbern schimmernder Folie. Aus geretteten Materialien entstanden Kleider mit Anklängen an die Belle Époque: eine Braut aus Weide und Baumwolle, eine kühne Figur im Bolero oder eine elegante Erscheinung, die man sich mühelos auf der Promenade des Anglais im Nizza der 1920er-Jahre vorstellen kann. Dieser schöpferische Reichtum, geboren aus Philippes Vorstellungskraft und seinem handwerklichen Können, war eine Hommage an die Kunst der Stuhlmacher und zeigte, wie selbst aus einfachsten Materialien etwas Kostbares entstehen kann.


Reigen der Erinnerung
Während Philippe Flechtwerke gerettet und veredelt hatte – vom Zahn der Zeit gezeichnet oder gar von den Knien unbeschwerter Kinder durchstoßen –, schrieb Lysiane im Obergeschoss, wo einst der Gemeinderat tagte, eine Ode an die Hoffnung. Dort offenbarte sie das fragile Gleichgewicht zwischen der harten Arbeit der Flechterinnen und der Stuhlmacher, ihrem von Mühsal und Gebet geprägten Alltag, dem Ansehen ihres Handwerks und dem Vergessen überlieferter Fertigkeiten. So hatte sie etwa ein Streichmaß* wie ein kostbares Erinnerungsstück gerahmt. Auch hatte sie die „Esseulée“, die Einsame, ersonnen: einen Stuhl im Käfig, an Gitterstäbe gelehnt, auf den Hinterbeinen balancierend und gleichsam seine unsichtbaren Arme nach dem Faden der Träume ausstreckend oder einen Stuhl erdacht, der aus einem Fotoalbum entstiegen schien, dessen leere Seiten – ein Geflecht aus Kreuzen – an die Verstorbenen erinnerten. An den Wänden hingen ein Foto eines Lastwagens, schwer beladen mit Stühlen, die einst zum Bahnhof Vieux-Rouen gebracht wurden und von dort nach Paris gelangten, sowie der Stammbaum der Stuhlmacherdynastie Tourneur, der ältesten der Gegend, die seit den Zeiten ihres Vorfahren Pierre-Nicolas Tourneur bis heute fortbesteht.
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Neben den gerahmten Fotografien und Dokumenten hing auch ein Gedicht von Jean Arp (1886-1966), einem aus dem Elsass stammenden Maler, Bildhauer und Dichter, der den Dadaisten und Surrealisten nahestand. Es fand seinen Ausdruck im zentralen Werk von Lysianes Ausstellung: einem Taufstuhl, der sich gleichsam symbolisch ins Leben erhob und dessen Schwung ein Gleichgewicht im scheinbaren Ungleichgewicht des Ensembles schuf, entstanden aus Lysianes Vorstellungskraft und den geschickten Händen des Kunsttischlers Yves Soyer. Der Aufbruch des Stuhls von der Tischplatte wirkte wie ein lebensbejahender Impuls. Auf dem Tisch erhob sich eine Mohnblume – eine vergängliche, doch jedes Jahr neu erblühende Blume, die zugleich die Zerbrechlichkeit und die Beharrlichkeit des Menschen verkörpert. Eine Pflanze, Sinnbild von Ruhe und Vergessen, die einst die vom Ersten Weltkrieg verwüsteten Felder Nordfrankreichs zurückeroberte, wie eine rote Flut, als sei das Blut der Gefallenen aus der Erde emporgestiegen. Eine bescheidene Blume, die zur kraftvollen Verkörperung von Hoffnung und Erneuerung geworden ist. Hoffnung und Erneuerung – davon ist dieser Ort durchdrungen.
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Besichtigung hätte hier enden können. Doch Philippe öffnete uns – meiner Begleiterin und mir – sein Atelier, wo sich einst die Feuerwehr versammelte und die Kinder ihre Lieder probten. In farbenreicher Fülle begegnen sich Erinnerungsstücke aus Philippes Laufbahn in der Welt der Haute Couture und des Luxus mit entstehenden Arbeiten: etwa ein Kleid, das verschiedene Techniken der Wollverarbeitung vereint und mit Keramikperlen des Bildhauers Pascal Plottier besetzt ist, oder Entwürfe für eine kommende Ausstellung zum Thema Pflanzenwelt, für die Lysiane Stoffe bemalt.
Bevor wir wieder hinuntergingen, nahm ich das Bild eines prachtvollen, mit Pailletten besetzten Vogels aus dem Hause Yves Saint Laurent mit – wo Philippe seine Laufbahn beendete. Als wir im Begriff waren aufzubrechen, luden Lysiane und Philippe uns noch auf einen Kaffee ein und führten unser Gespräch weiter. Denn ein Besuch bei diesen beiden Künstlern ist mehr als nur eine Entdeckung: Es ist eine Begegnung, die man nur ungern enden sieht.
Um ihre nächste Ausstellung zu sehen, auf die ich mich schon jetzt freue, wird man sich allerdings noch bis Mai gedulden müssen. Aber versprochen: Auch darüber werde ich berichten.
* Streichmaß: Werkzeug der Holzverarbeitung zum Anzeichnen einer Linie parallel zur Kante eines Holzstücks.
Atelier 22
22 rue Jean Moulin
80430 Neuville-Coppegueule
Lysiane Lécuyer
Tel.: +33 6 32 06 99 73
Philippe Deverdieu-Fouchard
Tel.: +33 6 99 29 51 13
Mail: philfouchard@gmail.com
Internet: www.atelier22art.fr
Facebook: Atelier 22 - Art contemporain
Instagram: Atelier 22 Art Contemporain - Neuville Coppegueule
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