
PASCAL PLOTTIER
WERKE WIE PAREIDOLIEN*



Pascal Plottiers Atelier betritt man ganz selbstverständlich. Es ist täglich geöffnet, jedoch ohne feste Zeiten, darauf legt er Wert – und „außer, wenn es geschlossen ist“, wie ein schelmischer Hinweis an der Eingangstür verkündet. Doch wie Pascal betont, ist dies ein Atelier, kein Laden: ein Ort des Arbeitens und der Begegnung, an dem der Keramikbildhauer seine Besucher mit unaufdringlicher Herzlichkeit empfängt. Unterstützt wird er von Grisette, seiner Katze, die träge ausgestreckt vor dem Schaufenster liegt, und von der sanften Ledge, einer weißen und honigfarbenen Hündin, die Neuankömmlinge mit ihren goldfarbenen Augen neugierig mustert – sofern sie nicht tief schläft. So ist Pascal in seinem Atelier an den Ufern der Somme, an der Ecke der Rue Ledien und der Rue Pasteur in Abbeville, stets liebevoll umgeben.
Einstieg in die Materie
Heute wirken die Regale des Ateliers ungewohnt leer: Seit zwei Tagen werden mehrere Arbeiten in der Käserei Fromagerie du Parvis nahe der Stiftskirche Saint-Vulfran gezeigt – eine ebenso originelle wie nachahmenswerte Idee. An ihrer Stelle warten neue Stücke darauf, dass der am Morgen angeheizte Ofen die richtige Temperatur erreicht – und dass die feurige Alchemie die volle Leuchtkraft ihrer zu diesem Zeitpunkt noch pastelligen Pigmente freisetzt. Pascal bietet mir einen Kaffee an. Ich trinke ihn aus einem Becher, den er selbst gefertigt hat: ein halbrohes Objekt, angenehm in der Hand, das dem Getränk eine zusätzliche sinnliche Dimension verleiht.
Werke, die Fantasie entfachen
Während der Corona-Pandemie entschied sich Pascal, seine Laufbahn als Grafiker zu beenden. Die Somme, seit rund vierzig Jahren zunächst ein Ankerpunkt, war inzwischen zu seinem Heimathafen geworden. Als Liebhaber der Künste sowie der Kraft und Ästhetik der Typografie beschloss er fortan, sich ganz der Keramik zu widmen, einer Disziplin, die er parallel zu seinem Grafikstudium an der Parsons School of Design erlernt hatte.
Im Atelier arbeitet er bevorzugt mit der Plattentechnik. Das Drehen an der Scheibe, erzählt er mir, behagt ihm nicht: Er mag weder ständig nasse Hände noch den Ton, der sich unter die Fingernägel schiebt. Auch die Wulsttechnik liegt ihm fern – zu wenig im Einklang mit seinem Temperament. Pascal verarbeitet Steinzeugton wie ein abstrakter Maler. Seine Werke wirken auf den Betrachter wie Pareidolien*: Sie lassen den Geist in eine träumerische Schwebe gleiten, wie damals, als wir als Kinder in den Wolken fantastische Gestalten entdeckten. Bei einem früheren Besuch hatte mich etwa ein Uhu angezogen – der eigentlich keiner ist, da er alles sein kann, was man in ihm sieht. Deshalb verzichtet Pascal bewusst auf Titel. Diese Offenheit macht den poetischen, spielerischen Reiz seiner Arbeiten aus.
Von der Strenge des Quadrats zur Sinnlichkeit des Mondes


Das Quadrat nimmt in Pascals Werk einen besonderen Platz ein. Stolz zeigt er mir sein Abschlussstück: eine monumentale Teekanne mit kubischem Körper, einem Ausguss wie ein Dinosaurierhals und einem spitzen Schwanz als Henkel. Einst bildete sie den „Vater“ einer ganzen Familie, von der heute nur dieses Stück geblieben ist. Derzeit jedoch entfernt er sich davon mit seinen Mondblumen, die für eine Ausstellung zum Thema Pflanzenwelt in der Kapelle Saint-Pierre in Saint-Valery entstehen. Diese geschmeidigen „Totems“, ganz aus Rundungen, wirken wie außerirdische, fantastische Wesen. Ihre Formen erinnern an die Kieselsteine der Strände im Süden der Somme und an Leuchttürme, deren Fuß von Wellen umspült wird wie von winzigen Flammen – wachsame, schützende Gestalten, übersät mit Erhebungen und kleinen farbigen Hörnern, Augen und Antennen, denen nichts entgeht.
Aus Ton und Licht
In diesem Werk, in dem sich Formen, Farbtöne und Texturen miteinander verbinden und aufeinander reagieren, veredeln die Farben auf subtile Weise rote, schwarze, weiße oder zart helle Erden, die sich von bloßen Trägermaterialien zu zentralen Ausdruckselementen wandeln. Abwechselnd lassen Glasuren und Engoben das Licht erstrahlen oder verschlucken es – und adeln so die schlichte Präsenz des Steinzeugs.
Das Atelier ist ein Ort unerschöpflicher Inspiration, in dem Orange – Pascals Lieblingsfarbe – und Blau dennoch konstante Fixpunkte bilden. Besonders fesselt mich eine schwarze Skulptur aus zwei Teilen: Ihr Sockel erinnert an ein gutmütiges Tier, das unbeirrbar einen glühenden Himmelskörper auf dem Rücken trägt – in ockerroten, fahlen und kupfernen Nuancen, die an eine hypnotische Sonne denken lassen. Dieser leuchtende Kreis, erdacht von Anne Denis aus dem Atelier MillePailles, spielt mit flüchtigen Reflexen und entgleitenden Perspektiven der Strohintarsien. Zwei Goldadern durchziehen ihn,

während rosafarbene Rechtecke ihn halb umrunden, vielleicht die Markierungen eines unvollständigen Zifferblatts. So setzt er die intensive, dunkle Mattheit der Skulptur in Brand, fast so, als trüge das kraftvolle, unbeirrbare Tier den Sieg dieser triumphierenden Sonne über die Zeit.
Ein lebendiges Atelier mit heiterer Atmosphäre
![]() | ![]() | ![]() |
|---|---|---|
![]() |
Unter all den Objekten, die ich betrachte, fällt mir ein Schaukasten auf, wie man ihn aus entomologischen Sammlungen kennt – nur dass hier kleine Keramikfische anstelle von Insekten präsentiert werden. Vor dem Schaufenster versammelt sich eine weitere Fischgruppe: farbenfrohe, unterschiedliche Exemplare, umringt von Miniaturkrokodilen. Diese kleine Unterwasserwelt ist eine augenzwinkernde Hommage an L’Aquarium, das Café, das hier einst beheimatet war. Pascal treibt dieses Spiel weiter mit einem Objekt im Geist eines Kuriositätenkabinetts, gefüllt mit kleinen Dingen, die an ägyptische Kartuschen – mit mittelalterlisch anmutenden Motiven – oder prähistorische Werkzeuge erinnern. Mit schelmischer Neugier fragt er sich, was Archäologen in einigen Jahrhunderten wohl davon halten werden.
Die Wärme des Ateliers in der Rue Ledien hält den grauen, feuchten Winter auf Abstand. Ich spiele mit einem Farbnuancier aus kleinen, gebrannten Tonscheiben; sie schlagen aneinander und lassen kristalline Töne erklingen. Ich stelle sie mir als bunte Traumfänger vor, so wie ich mir auch das Wandobjekt links vom Schaufenster vorstelle: ein Uhu – oder doch eine Katze? Vielleicht beides zugleich. Und für andere Augen gewiss etwas ganz anderes. Ist der Besuch beendet, verlässt man den Ort leichten Schrittes und mit einem Lächeln – getragen von dieser angenehmen Ungewissheit.
* Pareidolie bezeichnet das Phänomen, bei dem der Geist vertraute Formen in bestimmten Objekten, Lebewesen, Erscheinungen usw. erkennt, etwa einen Totenkopf in einer Orchidee, ein Tier in einer Wolke oder auch ein Gesicht auf der Oberfläche des Mondes.
Pascal Plottier – Keramikbildhauer
Atelier: 2, rue Ledien
80100 Abbeville
Tel.: +33 6 80 68 70 14
E-Mail: atelier@plottier.fr
Instagram: pascal_plottier
TÄGLICH GEÖFFNET, OFT GESCHLOSSEN, IMMER EINLADEND!


















