




Das Interpretationszentrum Vignacourt 14–18
Vom Bauernhof zur Gedenkstätte: Ein Museum würdigt die Menschlichkeit der Soldaten des Ersten Weltkriegs
In der kleinen Gemeinde Vignacourt mit ihren etwa 2.300 Einwohnern schlummert der über hundert Jahre alte Schatz eines landwirtschaftlichen Unternehmerpaares. Den Wert der Dinge zu ermessen, erfordert bisweilen viel Abstand; die Geschichte von Louis und Antoinette Thuillier ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Deren Geschichte beginnt in den 1910er-Jahren, in einem kleinen Dorf nördlich von Amiens, wo man Fischernetze herstellte, sich noch ausschließlich zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad fortbewegte und wo ein junger Mann sich eine Balgenkamera auf Stativ zulegte, ein schweres, teures und damals wenig verbreitetes Profigerät.




„Monsieur Peugeot“ und sein Objektiv: Vom Frieden in den Krieg
Louis Thuillier (1886–1931), Kleinbauer und nebenbei ausgezeichneter Mechaniker, verleiht Landwirtschaftsmaschinen. An der Fassade seines Hofs prangt ein Nasenschild mit der Aufschrift „Cycles Peugeot“, was ihm vielleicht den Spitznamen „Monsieur Peugeot“ von den Dorfbewohnern einbringt. Eines Tages verspürt er den Wunsch, eine Kamera zu kaufen. Der junge Mann in seinen Zwanzigern bringt sich die Fotografie selbst bei und bringt bald die Aufschrift „Photo“ am Oberlicht der Eingangstür des großen Hauses aus weißem Stein mit grünen Fensterläden an. Louis übt, indem er die Dorfbewohner porträtiert – eine kleine Sensation in einer Zeit, als die Fotografie, besonders auf dem Land, kostspielig und selten war. 1912 bringt Antoinette (1891–1974) ihren Sohn Robert (1912–1996) zur Welt. Dieses ruhige Leben hätte friedlich verlaufen können, wäre nicht am 28. Juli 1914 der Krieg ausgebrochen, gefolgt am 1. August von der Generalmobilmachung
in Frankreich.
Als Melder wird Louis zum Verbindungsmann zwischen Front und Hinterland eingesetzt. Antoinette bleibt mit Robert allein auf dem Hof zurück. Bald wird Louis jedoch am Bein verletzt, für immer dienstuntauglich erklärt und kehrt in sein Dorf zurück, wo man das Donnern der Geschütze nur wenige Kilometer entfernt hört. Der Krieg ist nie weit weg, er lässt den traumatisierten Louis nicht los. Die Kämpfer durchqueren das Dorf in unaufhörlichen Strömen Richtung Artois, wo der Tod sie im Frühjahr 1915 zu Tausenden niedermähen wird. Wenn die Regimente Rast machen, beginnt Louis die Soldaten zu verewigen und knüpft wieder an seine fotografische Tätigkeit an, um seine durch den Krieg erlittenen schweren Einkommensverluste auszugleichen.
Ein Paar, zwei Stile

Das Ehepaar empfängt die durchziehenden Soldaten auf dem Bauernhof, fotografiert sie und fertigt Postkarten an, die die Männer an ihre Familien schicken. Gewiss ist ein Bauernhof kein städtisches Atelier, doch bietet er einen umso authentischeren Rahmen, und der Preis der Aufnahmen ist deutlich günstiger. In dieser Zeit kommt Louis die Idee, seine Frau in die Fotografie einzuführen. Und Antoinette entpuppt sich als eine wahre Entdeckung. Louis’ Stil ist eher klassisch: Er fotografiert hauptsächlich Gruppen oder nimmt seine unhandliche Plattenkamera mit, um „außer Haus“ zu arbeiten. Diese teure Profi-Ausrüstung ermöglicht ihm zwar technisch perfekte Aufnahmen, doch keine spontanen Schnappschüsse, wie sie damals bereits „kleine" tragbare Kameras wie die Vest Pocket Kodak mit Rollfilm möglich machten. Solche Geräte nutzten vor allem Soldaten (meist aus wohlhabenden Kreisen) und Reporter.
Antoinettes Blick auf diese Männer, die sie oft mit viel Humor und Poesie in Szene setzt, gibt ihnen ihre Menschlichkeit als Söhne, Väter, Ehemänner, Brüder, Freunde zurück und lässt die Allgegenwart der Uniform ein wenig in den Hintergrund treten. Sie hält heitere, lachende, dynamische und noch hoffnungsvolle Blicke fest, später dann Ausdrücke von Leere, Benommenheit, ausgelöscht vom Schrecken der Schützengräben. Dennoch lassen viele ihrer Aufnahmen das Drama, das sich nur wenige Kilometer von Vignacourt abspielt, fast vergessen. Vignacourt hat sich im Laufe der Jahre zu einer regelrechten Kaserne entwickelt, mit Lagern für Soldaten auf Urlaub oder auf dem Weg in die Kampfgebiete. Der Krieg zieht sich hin, ein Alltag stellt sich ein. Romanzen entstehen, Freundschaften werden geknüpft, die Sehnsucht nach der Familie wird spürbar. All das spiegelt sich in Antoinettes Werk wider: Sie fotografiert Soldaten in Begleitung von Kindern – ihr Sohn Robert taucht auf Dutzenden von Bildern auf –, inszeniert die Männer mit Tieren, auf Motorrädern oder Pferden, beim Rauchen oder in Gesellschaft der Dorfbewohner. Fast immer enthalten ihre Fotos ein Detail, das daran erinnert, dass Vignacourt, selbst an der Schwelle zur Hölle, weiterlebt: eine Gruppe neugieriger Kinder, ein pickendes Huhn, ein Junge, der die Fotografin fasziniert beobachtet, während drei Soldaten lässig auf ihren Motorrädern thronen – einer von ihnen scherzhaft die beiden anderen mit seinem Revolver ins Visier nehmend. tragende Inder, stolze Marokkaner mit Tarbusch, Schotten im Kilt und viele andere – und sie strömen in immer größerer Zahl herbei.
Die anwesenden Männer sind überwiegend Australier und Briten, da das Dorf unter britischem Kommando steht. Dennoch ziehen Angehörige von rund dreißig Nationen durch Vignacourt, und das Paar wird sie während des gesamten Krieges im Bild festhalten: chinesische Arbeiter, in einem Kampfsportduell inszeniert, Soldaten, die zu Laienschauspielern werden, elegant Turban tragende Inder, stolze Marokkaner mit Tarbusch, Schotten im Kilt und viele andere – und sie strömen in immer größerer Zahl herbei.
Der 11. November 1918: Vom Taumel zu verschütteten Erinnerungen
So verläuft das Leben von Louis und Antoinette bis zum 11. November 1918, der das Ende des Ersten Weltkriegs markiert und dessen Jubelszenen Louis fotografiert. Er hält Ausgelassenheit und Begeisterung in einer bewegten Unschärfe fest, die nicht nur die Dynamik der Szene, sondern auch das innere Taumeln dieses Augenblicks spürbar macht. Da kommen drei Soldaten auf die Idee, den Kirchturm zu erklimmen, um dort eine französische Flagge zu hissen. Louis fotografiert das dreifarbige Rechteck, doch vor allem verewigt er diesen Augenblick der Ewigkeit am Fuß der Kirche: Plötzlich heben sich alle Köpfe wie auf Kommando, die Menge erstarrt, die Blicke sind auf die Flagge gerichtet, Symbol des wiedergefundenen Friedens.
![]() | ![]() | ![]() |
|---|---|---|
![]() | ![]() | ![]() |
Der Krieg ist vorbei, und nur eine Woche später versammeln sich Zivilisten und Soldaten auf dem Friedhof zu einer Gedenk- und Abschiedszeremonie, während die Soldaten kurz davorstehen, in ihre Heimat zurückzukehren. Der damalige Bürgermeister, Paul Thuillier-Buridard, verspricht, dass die Frauen und Kinder des Dorfes jeweils eines der 500 Gräber – hauptsächlich australischer Soldaten – auswählen und ihr ganzes Leben lang mit Blumen schmücken werden. Louis verewigt die Trauerzüge von Soldaten und Zivilisten und fotografiert die Gräber, um die Aufnahmen den Familien zukommen zu lassen. 1919 geben aber Louis und Antoinette die Fotografie abrupt auf. Der luxuriöse Studiohintergrund mit der neoklassischen Säule, den Louis angeschafft hatte, um die Männer nicht länger vor den verwitterten Mauern des Bauernhofs zu fotografieren, die teure Plattenkamera und ganze Kisten voller Glasnegative werden auf den Dachboden verstaut, wo sie fast ein Jahrhundert lang schlummern werden. Dann, im Jahr 1931 nimmt sich Louis, von Depressionen gezeichnet, das Leben. Mehr erfährt man nicht – weder über ihn noch über Antoinette, noch über Robert, der nie eine eigene Familie gründen wird und bis zu deren Tod 1974 an der Seite seiner Mutter bleiben wird.
Ein Jahrhundert Schweigen: Das unglaubliche Schicksal der Fotografien von Louis und Antoinette
Bei der Dankeszeremonie hatte Paul Thuillier-Buridard versprochen, Straßen nach australischen Städten umzubenennen. Doch das Versprechen wird nicht eingehalten. Erst ein späterer Bürgermeister, Michel Hubau, löst es ein. Als er siebzig Jahre später die Dorfarchive konsultiert, stößt er auf die Rede des Ratsherrn von 1918. 1988 weiht er die neuen Straßen anlässlich eines Festes ein, an dem auch Australier teilnehmen. Eine Gruppe älterer Dorfbewohner kommt auf die Idee, Robert zu bitten, einige der von seinen Eltern aufgenommenen Fotos zu entwickeln, um eine Ausstellung im Festsaal zu organisieren. Der Schatz von Louis und Antoinette mochte auf dem Dachboden des Hauses in der Rue d’Amour 196 schlummern, doch in Vergessenheit geraten war er nie. Damals erkennt jedoch niemand seinen immensen Wert. Nach Ende der Ausstellung wandern die Fotos an die Wände des Rathauses, wo sie ein Historiker, Laurent Mirouze, entdeckt, der 1990 nach Vignacourt kommt, um Nachforschungen über das Hinterland der Front anzustellen. Er trifft Robert, der ihm die Geschichte ihrer Entstehung erzählt, veröffentlicht Artikel und unternimmt viele vergebliche Versuche, Frankreich und Australien für seinen Fund zu interessieren. Mehrere Jahre werden noch vergehen, ehe es ihm 2011 gelingt, ein Team australischer Journalisten nach Vignacourt zu holen.
Zu diesem Zeitpunkt ist Robert bereits seit etwa fünfzehn Jahren tot. Christian, sein Neffe und Erbe, empfängt die Reporter, die auf dem Dachboden rund 4.000 sorgfältig in Kisten aufbewahrte Glasplatten entdecken. Kerry Stokes, der Chef des Senders Seven Network, erwirbt sie. Er schenkt sie dem Australian War Memorial in Canberra, das sie fortan aufbewahren wird. Sie werden dort jedoch digitalisiert und dann der Gemeinde Vignacourt zur Verfügung gestellt. Ebenfalls in Canberra wird heute der Studiohintergrund aufbewahrt, vor dem Louis und Antoinette so viele Soldaten verewigten – Antoinette, die nur allzu gerne den eleganten, aber künstlichen neoklassizistischen Rahmen dieser Leinwand sprengte, um Aufnahmen zu schaffen, fernab der professionellen Ateliers und ihrer kitschig-propagandistischen Inszenierungen. Durch ihre Sensibilität gab Antoinette den Soldaten ihre Menschlichkeit zurück.
Ein Museum, eine zu entdeckende Geschichte und viele Projekte: Die Wiedergeburt des Thuillier-Hofs
Heute empfangen Valérie Vasseur und Angèle David – unterstützt von ihrer Praktikantin Charlotte Bilou – die Besucher auf dem ehemaligen Hof der Familie Thuillier. 2012 wird sich die Gemeinde des kulturhistorischen Wertes dieses Ortes bewusst und erwirbt ihn. Seither im Besitz der Stadt Vignacourt, wurde dort 2018 ein Museum eröffnet, das dem Werk von Louis und Antoinette gewidmet ist. Dank des Engagements eines australischen Paares, Michael und Donna Fiechtner, wurden Mittel gesammelt, um das alte Wohnhaus und seine Nebengebäude zu renovieren – unter anderem, um dort Gästezimmer einzurichten. Die Leidenschaft und das Wissen von Valérie und Angèle, unterstützt vom Verein Le Monde d’Antoinette, machen das Interpretationszentrum zu einem lebendigen und faszinierenden Ort. Hier wird eine Seite der Geschichte greifbar, in der es Menschen trotz sprachlicher und kultureller Barrieren gelang, einander näherzukommen und für einen Moment die Hölle des Krieges zu vergessen.
Infokasten 1
Während des Ersten Weltkriegs nahm das Dorf Vignacourt Tausende australischer Soldaten auf. Unmittelbar hinter der Sommefront gelegen und gut über die Bahnlinie nach Amiens angebunden, diente es den Truppen der Australian Imperial Force (AIF) zwischen zwei Kampfeinsätzen als Erholungs- und Stationierungszone. Nach der Gallipoli-Kampagne wurde das australische Expeditionskorps nach Frankreich verlegt. Zwischen 1916 und 1918 passierten Tausende dieser Freiwilligen Vignacourt und hinterließen eine bleibende Spur in der Geschichte und im Gedächtnis des Dorfes.

Infokasten 2
Wie später die Kriegsfotografinnen Christine Spengler oder Gerda Taro verstand es Antoinette, die Menschlichkeit hinter der Uniform einzufangen und einen eigenen, einzigartigen Blick auf den Krieg zu werfen. Anstatt sich auf die Aktion oder die Heroisierung des Kampfes zu fokussieren, stellten sie oft den Menschen in den Mittelpunkt, indem sie den Alltag im Krieg fotografierten: die Gesichter, die Stille, die Zivilisten und die Verletzlichkeit der Soldaten. Ihr Ansatz offenbart eine intime Erfahrung des Krieges und prägt eine persönlichere, menschlichere Erinnerung an dieKonflikte. Gewiss, Antoinette hat nicht die Kampfzonen fotografiert, doch auch ihr Blick auf die Männer war anders – ein Blick, der ihnen ihre Menschlichkeit zurückgab.
Mehr erfahren:
1914-1918, le trésor oublié d’Antoinette et Louis
Ein wunderschönes Dokumentarfilm von Anne Mourgues (auf Französisch)
Centre d'interprétation Vignacourt 14-18
196 rue d’Amour
80650 Vignacourt
Öffnungszeiten:
Hauptsaison (April bis Oktober):
Dienstag bis Freitag: 10:00–18:00 Uhr Samstag und Sonntag: 14:00–18:00 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen
Nebensaison (November bis März):
Dienstag bis Samstag: 13:30–17:00 Uhr Sonntag, Montag und an Feiertagen geschlossen
Tel.: +33 6 73 69 55 49
E-Mail: vignacourt1418@gmail.com
Internet: Vignacourt 14-18
Facebook: Vignacourt 14-18
Instagram: Vignacourt 1418









































