Museum der Luftfahrt von gestern
Haus Sadi Lecointe
Auf den Spuren von Männern und Frauen, die alles riskierten
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In Beaucamps-le-Jeune, an der Kreuzung der Rue d’Aumale und der Rue Sadi Lecointe, steht ein schmuckes Fachwerkhaus aus hellen Ziegelsteinen mit einem Schieferdach und weißen Fensterläden – alle geschlossen. Nicht, um die dort ausgestellte einzigartige Sammlung an Uniformen, Fotos und Gegenständen zu verstecken, sondern um die historischen Exponate zu schützen. Denn tatsächlich, sobald man eintritt, enthüllt Patrick Lecointe, der Eigentümer, alle Geheimnisse seiner Kollektion. Im Jahr 2022, nach der COVID-Pandemie, gründeten er und seine Frau Jeannine, mit der er seit mehr als sechzig Jahren verheiratet ist, dieses Museum – zu Ehren von Patricks Großonkel „Haus Sadi Lecointe“ getauft. Die ausgestellten Schätze sind das Ergebnis der unersättlichen Neugier des passionierten 82-jährigen Luftfahrthistorikers. Seine Leidenschaft gilt nicht nur seinem Vorfahren Joseph Sadi Lecointe, Flieger und Held des Ersten Weltkriegs, sondern auch der Geschichte der Luftfahrt sowie den beiden großen Konflikten, die die Welt im vergangenen Jahrhundert erschütterten. Sie verdeutlichen sein ganzes Engagement für die Erinnerung an den Mann, der Jean Moulins Weggefährte und Freund war – eine Leidenschaft, die seit jenem Tag auf dem Dachboden des Familienhauses begann, als er alte Dokumente entdeckte.
![]() Das Museum | ![]() Heißluftballon |
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![]() Im Vorraum | ![]() Guynemers Einberufungskoffer |
Von den Gebrüdern Caudron zu Sadi Lecointe
Im Februar 2026 weckte im Tourismusbüro der Stadt Rue ein DIN-A4-Blatt meine Neugier – insbesondere die darauf abgebildeten Figuren in ihren farbenprächtigen Uniformen. Als Virginie Desmaret, Kulturvermittlerin der Stadt, mein Interesse bemerkte, empfahl sie mir nachdrücklich einen Besuch des Museums, dessen Prospekt sowohl den historischen Wert als auch die menschliche Dimension der Sammlung hervorhob. Wie so oft nimmt man sich vor, etwas zu tun, und vergisst es dann wieder – es sei denn, der Zufall hilft nach. So führte mich bei meinem zweiten Besuch im Museum der Gebrüder Caudron, in Rue, eine glückliche Fügung mit Patrick Lecointe zusammen, dem Gründer des „Musée du Souvenir Français – Maison Sadi Lecointe“. Er lud mich ein, seine Sammlung in Beaucamps-le-Jeune zu besichtigen.
Ein langgestrecktes Bauernhaus mit verschlossenen Fensterläden
Patrick und seine Frau, die etwa eine Stunde entfernt wohnen, öffnen das Museum nach Vereinbarung. Heute haben wir uns verabredet und sie warten bereits auf mich. Der Morgen ist sehr kühl, und im Inneren des Bauernhauses, dessen Fensterläden Patrick aus Sorge um seine Ausstellungsstücke so gut wie nie aufsperrt, ist es sogar richtig kalt.
Doch diese Unannehmlichkeit ist schnell vergessen, sobald man die Schwelle überschreitet und in längst vergangene Epochen eintaucht. Im Vorraum thront ein Kamin aus roten Ziegelsteinen miteinem schlicht, aber kunstvoll gearbeiteten gusseisernen Mantel – typisch für die Picardie des 19. Jahrhunderts. Darin schwebt das Modell eines Heißluftballons, das an die Anfänge der Eroberung des Himmels erinnert. Sofort fällt der Blick auf den Einberufungskoffer von Georges Guynemer, dem Ass des Ersten Weltkriegs, der 1917 unter mysteriösen Umständen über Belgien verschwand – im Alter von nur 23 Jahren. Ein gut gefülltes Besucherbuch, geschmückt mit einem Doppeldecker, an den Wänden Fotos von Sadi Lecointe und überall verteilt allerlei Gegenstände, die einst ihm gehörten, bilden den Ausgangspunkt der Geschichte, die Patrick lebhaft schildert. Er zeichnet das Leben seines Ahnen, des Fliegerasses, nach, und die Geschichte der beiden großen globalen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber flicht er die menschliche Dimension ein, auf deren Hintergrund sich diese Ereignisse entfalteten.
Ein schwieriger Start ins Leben
Patrick erzählt seine Geschichte menschlich und greifbar, und lässt dabei immer wieder Zeitgenossen Joseph Sadi Lecointes auftreten: die Gebrüder Caudron, die Wright-Brüder, Charles Nungesser, Georges Guynemer oder auch Josephine Baker, die von seinen Ratschlägen als erfahrener Pilot profitieren konnte. Mit spürbarer Emotion spricht er auch von seinen Freunden Eugene Bullard, dem ersten afroamerikanischen Piloten der Geschichte, und Jean Moulin, an dessen Seite er im Widerstandsnetzwerk Rafale-Andromède kämpfte.
Das Leben des späteren Fliegerasses, das 1891 im unweit von Beaucamps-le-Jeune gelegenen Saint-Germain-sur-Bresle begann, stand jedoch zunächst unter keinem guten Stern: Sein Vater, Séraphin Lecointe, ist Alkoholiker und misshandelt seine Frau Noémie. Das Ehepaar verlässt Beaucamps und lässt sich in Gourchelles nieder, dem Heimatdorf Séraphins im Département Oise. Dort kommen zwei weitere Söhne zur Welt: Juste im Jahr 1896 und Marcel im Jahr 1898. Als Noémie ihr viertes Kind erwartet, wird sie abermals Opfer der Gewalt ihres Mannes. Sie flieht zu ihren Eltern nach Beaucamps-le-Jeune, wo ihr Sohn, Philogène, zur Welt kommt. Das Kind stirbt jedoch nach wenigen Wochen. Noémie überlässt Juste und Marcel der Obhut ihrer Eltern, Émile und Argentine Lemire. Sie zieht mit Sadi nach Nogent-sur-Oise und später nach Creil. Zuvor hat sie vor dem Gericht von Amiens Klage gegen Séraphin eingereicht. Das Gericht spricht die Scheidung aus und verurteilt den gewalttätigen Ehemann zu acht Tagen Haft.
Vom Dachdecker und Bauklempner zum Widerstandskämpfer Monsieur Pierre
Als Dachdecker und Bauklempner findet Sadi eine Anstellung als Mechaniker und Schweißer bei einem Konstrukteur, der ein kleines Flugzeug, das Zénith, herstellt. Am 30. Januar 1910 bietet er an, die Maschine zu testen – obwohl er keinerlei Flugerfahrung hat. Es ist der Beginn einer Leidenschaft, die seinem Leben eine neue Richtung gibt. Etwas mehr als ein Jahr später erhält er seinen zivilen Pilotenschein. Später bei Anzani, einem Motorenhersteller, angestellt, führt er Flugdemonstrationen durch und erwirbt am 20. September 1913 seinen militärischen Pilotenschein.
Von da an ist sein Weg vorgezeichnet. Während eines Aufklärungsfluges am 8. August 1914 gerät die Maschine des Sergeanten Lecointe unter Beschuss. Das Flugzeug wird beschädigt, sein Beobachter verwundet. Dennoch kehrt er zu den französischen Linien zurück, nimmt einen Ersatzmann an Bord und startet zu einem erneuten Aufklärungsflug – ein mutiges Verhalten, für das er eine Belobigung erhält.
Ab 1915 wird er Ausbilder. Zu dieser Zeit hätten die Soldaten lieber „in der Luft als in den Schützengräben“ sterben wollen, erklärt Patrick. Die Ausbildung war damals äußerst rudimentär: Nach nur drei Wochen Ausbildung hatten die Flugschüler zwei Versuche. Bestandene Prüfungen führten zur Erteilung des Pilotenscheins, andernfalls kehrten die Kandidaten zu ihrer ursprünglichen Truppengattung zurück.
Das Pilotenleben war damals jedoch keineswegs ungefährlich. Lediglich die Beobachter in den Fesselballons verfügten über genügend Platz in ihren Gondeln, um die sperrigen Fallschirme mitzuführen. Die Piloten selbst hatten diese Möglichkeit nicht, was erklärt, warum so viele von ihnen in ihren Flugzeugen ums Leben kamen. Bis zum Ende des Krieges bildete Sadi rund 1.500 von ihnen aus.
1919 kehrt er ins Zivilleben zurück und wird zu einem der bedeutendsten Rekordflieger seiner Zeit. Er stellt zahlreiche Bestmarken auf, unter anderem im Höhenflug, als er im März 1919 ohne Sauerstoffmaske eine Höhe von 8.900 Metern erreicht, ebenso wie im Geschwindigkeitsflug. Dabei bricht er immer wieder seine eigenen Rekorde. So erzielt er am 12. Dezember 1920 eine Geschwindigkeit von 313 km/h und erlangt damit weltweite Berühmtheit.
Doch der Himmel allein genügt dem Freund von Ettore Bugatti nicht. Auch im Motorsport macht er von sich reden. So gewinnt er unter anderem Ende Oktober 1920 beim prestigeträchtigen Léon-Bollée-Wettbewerb in Le Mans das Geschwindigkeitsrennen.
In den 1920er-Jahren setzt sich Sadi für die ehemaligen Piloten des Ersten Weltkriegs ein und zählt zu den Mitbegründern der Vereinigung „Les Vieilles Tiges“, die sich der Bewahrung des luftfahrtgeschichtlichen Erbes, der Solidarität unter Fliegern sowie der Weitergabe der Leidenschaft für die Luftfahrt an jüngere Generationen widmet. 1927 gründet er die „Association des professionnels navigants de l’aviation“ (Verband der Luftfahrtprofis, APNA). Zu den Aufgaben der APNA zählen Versicherungs- und Vorsorgefragen sowie die Vertretung der Interessen und des Status des fliegenden Personals. Beide Organisationen bestehen bis heute fort.

1936 herrscht ein Mangel an Piloten in der Luftfahrt. Im November desselben Jahres beauftragt Jean Moulin, damals Kabinettschef im Luftfahrtministerium der Volksfrontregierung, Sadi Lecointe mit der Organisation der Schulen der Aviation populaire (Volksfliegerei). Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird der Oberstleutnant einberufen. Nach dem Waffenstillstands von 1940 wird er aus dem Militärdienst entlassen. Später verweigert er die Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern. Als Strafe beschlagnahmt die Vichy-Regierung sein Vermögen, entzieht ihm seinen Offiziersrang, nimmt ihm die Ehrenlegion ab und kürzt einen Teil seiner Pension. Vorher hat er jedoch zahlreichen Piloten geholfen, nach England zu fliehen oder Gibraltar zu erreichen.
Diesmal verlässt er Paris, um sich seinem Freund Jean Moulin und dem Widerstandsnetzwerk Rafale-Andromède in der unbesetzten Zone bei Tours anzuschließen. Er nimmt den Decknamen Monsieur Pierre an. Das Netzwerk übermittelt Informationen an die Briten, unter anderem zu Hitlers Plan, einen Amerikabomber zu bauen, um New York zu zerstören – ein Projekt, das dank der Überwachung durch die Résistance während des Krieges scheiterte.
Verraten von einem Mitglied des Netzwerks, wird Sadi im Frühjahr 1944 verhaftet und in die Gestapozentrale am Square Rapp in Paris gebracht.
Von Kollaborateuren gefoltert wird er wenige Tage später in einem Zustand großer Schwäche ins Krankenhaus Saint-Louis eingeliefert, wo er am 15. Juli 1944 stirbt. Beigesetzt wird er zunächst auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise. 1946 überführt man seine Überreste nach Beaucamps-le-Jeune, wo er an der Seite seiner Mutter ruht. Ihr hatte er 1911, kurz nach Erhalt seiner Pilotenlizenz, ein Buch mit dem Titel „Les conquérants du ciel“ geschenkt, in dem er folgende Widmung geschrieben hatte:
« An dich, Mama, die immer an mich geglaubt hat. Dein geliebter Sohn, der jetzt Flieger ist. Danke. 11. Februar 1911. Paris. Sadi Lecointe. »

Patrick Lecointe – ein passionierter Luftfahrt- und Geschichtsliebhaber
Der Vorraum, den ich nun hinter Patrick verlasse, führt in einen langen Saal, bevölkert von Mannequins in echten Uniformen, die Sadi Lecointes Enkel entweder erworben oder geschenkt bekommen hat. Und zu jedem dieser Exponate kennt mein Gastgeber eine Geschichte, eine Anekdote oder einen historischen Hintergrund.
So stellt er mir nacheinander den jungen Charles Nungesser vor, der 1927 gemeinsam mit François Coli beim ersten Versuch, von Paris nach New York zu fliegen, spurlos verschwand, Eugene Bullard in seiner originalen Uniform, einen Flieger in einem Otterfellmantel, der ihn vor der eisigen Kälte in großer Höhe schützen sollte, deutsche und japanische Soldaten, ein kleines Mädchen in einem aus einem Fallschirm gefertigten Kommunionkleid sowie eine Krankenschwester, die über einen sterbenden Soldaten wacht, der vom Propeller einer Caudron-Maschine tödlich getroffen wurde. Doch diese Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig. Und all diese regungslosen Gestalten, die Patrick regelmäßig neu anordnet und ergänzt, scheinen sich geradezu verschworen zu haben, den Besucher auf immer neue, ebenso lehrreiche wie fesselnde, Reisen mitzuziehen. Zumal die Fülle an Modellen, Fotos und historischen Objekten der Neugierde unzählige Anknüpfungspunkte bietet.
Jeannine reißt uns aus unserem Gespräch mit einem willkommenen Kaffeeangebot. Nach diesem Besuch völlig durchfroren, nehme ich dankbar an. Wir nehmen in der Küche Platz, die eher einem Museum gleicht als einer Wohnstube. Nebenbei erfahre ich, dass mein Guide auch Autor zahlreicher Werke ist, darunter « Sadi Lecointe, pilote providentiel » (Sadi Lecointe, ein Pilot zur rechten Zeit). Obwohl viele davon vergriffen sind, sind sie auf der Website der Französischen Nationalbibliothek* erhältlich.
Um diesen mehrstündigen Einblick in die Geschichte des Souvenir français abzurunden, bietet Patrick an, mir seinen Fundus zu öffnen. Er und Jeannine haben ein Häuschen auf einem an das Bauernhaus angrenzenden Grundstück erworben. Dort lagern Schätze aus jüngerer Zeit, vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg. Zugegeben, es ist nur ein Lagerraum – und doch ist auch hier alles so angeordnet, dass es die Geschichten aus ferner Zeiten erzählt.
Nun verlasse ich meine Gastgeber, denen ich herzlich für ihre Gastfreundschaft danke und für die beiden Bücher, die mir Patrick geschenkt hat. Er zeigt mir, wie ich zum Friedhof am Ortsausgang finde. Ein Gemeindeangestellter stutzt das Grün am Straßenrand. Außer ihm niemand. Er packt seinen Rasentrimmer weg, und ich bleibe allein zurück – begleitet nur vom Konzert der Vögel. Die morgendliche Kühle ist verflogen und die Frühlingssonne scheint sie zu beflügeln.


Das Familiengrab Lemire-Lecointe erinnert daran, dass Sadi neben seiner Mutter ruht, zu der er sein Leben lang eine enge Bindung hatte. Die Inschriften auf dem Grabstein lassen erahnen, wer Sadi Lecointe war: Pilot, Flieger, vielfach dekorierter Held, Rekordhalter, Widerstandskämpfer und noch so viel mehr – ein Mann, dessen Lebensweg Patrick Ihnen mit Emotion und Leidenschaft schildern wird, wenn Sie einen Termin mit ihm vereinbaren. In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen immer seltener werden, sind Persönlichkeiten wie er wertvoller denn je.
MUSÉE DU SOUVENIR FRANÇAIS
Maison Sadi Lecointe
3 rue d’Aumale
80430 Beaucamps-le-Jeune
BESUCH NACH VEREINBARUNG
Festnetz: +33 3 21 81 77 51
Mobil: +33 6 20 23 93 81
Mail: Jeannine62140@orange.fr
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