
DER ERSTE WELTKRIEG
Zum Kapitel 1 – Das Interpretationszentrum Vignacourt 14–18
Zum Kapitel 2 – Zwei Paare, ein Jahrhundert auseinander: der Thuillier-Hof in Vignacourt
Zum Kapitel 3 – Der chinesische Friedhof von Nolette – Stille Helden des Krieges
Zum Kapitel 4 –Die unterirdische Stadt von Naours – Eine fast vergessene Welt
Zum Kapitel 5 – Das Caudron-Museum – Pionniere der Luftfahrt
Zum Kapitel 6 – Haus Sadi Lecointe – Auf den Spuren von Frauen und Männern, die alles riskierten
ZUR LANDKARTE




KAPITEL 1
Das Interpretationszentrum Vignacourt 14–18
Vom Bauernhof zur Gedenkstätte: Ein Museum würdigt die Menschlichkeit der Soldaten des Ersten Weltkriegs
In der kleinen Gemeinde Vignacourt mit ihren etwa 2.300 Einwohnern schlummert der über hundert Jahre alte Schatz eines landwirtschaftlichen Unternehmerpaares. Den Wert der Dinge zu ermessen, erfordert bisweilen viel Abstand; die Geschichte von Louis und Antoinette Thuillier ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Deren Geschichte beginnt in den 1910er-Jahren, in einem kleinen Dorf nördlich von Amiens, wo man Fischernetze herstellte, sich noch ausschließlich zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad fortbewegte und wo ein junger Mann sich eine Balgenkamera auf Stativ zulegte, ein schweres, teures und damals wenig verbreitetes Profigerät.




„Monsieur Peugeot“ und sein Objektiv: Vom Frieden in den Krieg
Louis Thuillier (1886–1931), Kleinbauer und nebenbei ausgezeichneter Mechaniker, verleiht Landwirtschaftsmaschinen. An der Fassade seines Hofs prangt ein Nasenschild mit der Aufschrift „Cycles Peugeot“, was ihm vielleicht den Spitznamen „Monsieur Peugeot“ von den Dorfbewohnern einbringt. Eines Tages verspürt er den Wunsch, eine Kamera zu kaufen. Der junge Mann in seinen Zwanzigern bringt sich die Fotografie selbst bei und bringt bald die Aufschrift „Photo“ am Oberlicht der Eingangstür des großen Hauses aus weißem Stein mit grünen Fensterläden an. Louis übt, indem er die Dorfbewohner porträtiert – eine kleine Sensation in einer Zeit, als die Fotografie, besonders auf dem Land, kostspielig und selten war. 1912 bringt Antoinette (1891–1974) ihren Sohn Robert (1912–1996) zur Welt. Dieses ruhige Leben hätte friedlich verlaufen können, wäre nicht am 28. Juli 1914 der Krieg ausgebrochen, gefolgt am 1. August von der Generalmobilmachung
in Frankreich.
Als Melder wird Louis zum Verbindungsmann zwischen Front und Hinterland eingesetzt. Antoinette bleibt mit Robert allein auf dem Hof zurück. Bald wird Louis jedoch am Bein verletzt, für immer dienstuntauglich erklärt und kehrt in sein Dorf zurück, wo man das Donnern der Geschütze nur wenige Kilometer entfernt hört. Der Krieg ist nie weit weg, er lässt den traumatisierten Louis nicht los. Die Kämpfer durchqueren das Dorf in unaufhörlichen Strömen Richtung Artois, wo der Tod sie im Frühjahr 1915 zu Tausenden niedermähen wird. Wenn die Regimente Rast machen, beginnt Louis die Soldaten zu verewigen und knüpft wieder an seine fotografische Tätigkeit an, um seine durch den Krieg erlittenen schweren Einkommensverluste auszugleichen.
Ein Paar, zwei Stile

Das Ehepaar empfängt die durchziehenden Soldaten auf dem Bauernhof, fotografiert sie und fertigt Postkarten an, die die Männer an ihre Familien schicken. Gewiss ist ein Bauernhof kein städtisches Atelier, doch bietet er einen umso authentischeren Rahmen, und der Preis der Aufnahmen ist deutlich günstiger. In dieser Zeit kommt Louis die Idee, seine Frau in die Fotografie einzuführen. Und Antoinette entpuppt sich als eine wahre Entdeckung. Louis’ Stil ist eher klassisch: Er fotografiert hauptsächlich Gruppen oder nimmt seine unhandliche Plattenkamera mit, um „außer Haus“ zu arbeiten. Diese teure Profi-Ausrüstung ermöglicht ihm zwar technisch perfekte Aufnahmen, doch keine spontanen Schnappschüsse, wie sie damals bereits „kleine" tragbare Kameras wie die Vest Pocket Kodak mit Rollfilm möglich machten. Solche Geräte nutzten vor allem Soldaten (meist aus wohlhabenden Kreisen) und Reporter.
Antoinettes Blick auf diese Männer, die sie oft mit viel Humor und Poesie in Szene setzt, gibt ihnen ihre Menschlichkeit als Söhne, Väter, Ehemänner, Brüder, Freunde zurück und lässt die Allgegenwart der Uniform ein wenig in den Hintergrund treten. Sie hält heitere, lachende, dynamische und noch hoffnungsvolle Blicke fest, später dann Ausdrücke von Leere, Benommenheit, ausgelöscht vom Schrecken der Schützengräben. Dennoch lassen viele ihrer Aufnahmen das Drama, das sich nur wenige Kilometer von Vignacourt abspielt, fast vergessen. Vignacourt hat sich im Laufe der Jahre zu einer regelrechten Kaserne entwickelt, mit Lagern für Soldaten auf Urlaub oder auf dem Weg in die Kampfgebiete. Der Krieg zieht sich hin, ein Alltag stellt sich ein. Romanzen entstehen, Freundschaften werden geknüpft, die Sehnsucht nach der Familie wird spürbar. All das spiegelt sich in Antoinettes Werk wider: Sie fotografiert Soldaten in Begleitung von Kindern – ihr Sohn Robert taucht auf Dutzenden von Bildern auf –, inszeniert die Männer mit Tieren, auf Motorrädern oder Pferden, beim Rauchen oder in Gesellschaft der Dorfbewohner. Fast immer enthalten ihre Fotos ein Detail, das daran erinnert, dass Vignacourt, selbst an der Schwelle zur Hölle, weiterlebt: eine Gruppe neugieriger Kinder, ein pickendes Huhn, ein Junge, der die Fotografin fasziniert beobachtet, während drei Soldaten lässig auf ihren Motorrädern thronen – einer von ihnen scherzhaft die beiden anderen mit seinem Revolver ins Visier nehmend.
Die anwesenden Männer sind überwiegend Australier und Briten, da das Dorf unter britischem Kommando steht. Dennoch ziehen Angehörige von rund dreißig Nationen durch Vignacourt, und das Paar wird sie während des gesamten Krieges im Bild festhalten: chinesische Arbeiter, in einem Kampfsportduell inszeniert, Soldaten, die zu Laienschauspielern werden, elegant Turban tragende Inder, stolze Marokkaner mit Tarbusch, Schotten im Kilt und viele andere – und sie strömen in immer größerer Zahl herbei.
Der 11. November 1918: Vom Taumel zu verschütteten Erinnerungen
So verläuft das Leben von Louis und Antoinette bis zum 11. November 1918, der das Ende des Ersten Weltkriegs markiert und dessen Jubelszenen Louis fotografiert. Er hält Ausgelassenheit und Begeisterung in einer bewegten Unschärfe fest, die nicht nur die Dynamik der Szene, sondern auch das innere Taumeln dieses Augenblicks spürbar macht. Da kommen drei Soldaten auf die Idee, den Kirchturm zu erklimmen, um dort eine französische Flagge zu hissen. Louis fotografiert das dreifarbige Rechteck, doch vor allem verewigt er diesen Augenblick der Ewigkeit am Fuß der Kirche: Plötzlich heben sich alle Köpfe wie auf Kommando, die Menge erstarrt, die Blicke sind auf die Flagge gerichtet, Symbol des wiedergefundenen Friedens.
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Der Krieg ist vorbei, und nur eine Woche später versammeln sich Zivilisten und Soldaten auf dem Friedhof zu einer Gedenk- und Abschiedszeremonie, während die Soldaten kurz davorstehen, in ihre Heimat zurückzukehren. Der damalige Bürgermeister, Paul Thuillier-Buridard, verspricht, dass die Frauen und Kinder des Dorfes jeweils eines der 500 Gräber – hauptsächlich australischer Soldaten – auswählen und ihr ganzes Leben lang mit Blumen schmücken werden. Louis verewigt die Trauerzüge von Soldaten und Zivilisten und fotografiert die Gräber, um die Aufnahmen den Familien zukommen zu lassen. 1919 geben aber Louis und Antoinette die Fotografie abrupt auf. Der luxuriöse Studiohintergrund mit der neoklassischen Säule, den Louis angeschafft hatte, um die Männer nicht länger vor den verwitterten Mauern des Bauernhofs zu fotografieren, die teure Plattenkamera und ganze Kisten voller Glasnegative werden auf den Dachboden verstaut, wo sie fast ein Jahrhundert lang schlummern werden. Dann, im Jahr 1931 nimmt sich Louis, von Depressionen gezeichnet, das Leben. Mehr erfährt man nicht – weder über ihn noch über Antoinette, noch über Robert, der nie eine eigene Familie gründen wird und bis zu deren Tod 1974 an der Seite seiner Mutter bleiben wird.
Ein Jahrhundert Schweigen: Das unglaubliche Schicksal der Fotografien von Louis und Antoinette
Bei der Dankeszeremonie hatte Paul Thuillier-Buridard versprochen, Straßen nach australischen Städten umzubenennen. Doch das Versprechen wird nicht eingehalten. Erst ein späterer Bürgermeister, Michel Hubau, löst es ein. Als er siebzig Jahre später die Dorfarchive konsultiert, stößt er auf die Rede des Ratsherrn von 1918. 1988 weiht er die neuen Straßen anlässlich eines Festes ein, an dem auch Australier teilnehmen. Eine Gruppe älterer Dorfbewohner kommt auf die Idee, Robert zu bitten, einige der von seinen Eltern aufgenommenen Fotos zu entwickeln, um eine Ausstellung im Festsaal zu organisieren. Der Schatz von Louis und Antoinette mochte auf dem Dachboden des Hauses in der Rue d’Amour 196 schlummern, doch in Vergessenheit geraten war er nie. Damals erkennt jedoch niemand seinen immensen Wert. Nach Ende der Ausstellung wandern die Fotos an die Wände des Rathauses, wo sie ein Historiker, Laurent Mirouze, entdeckt, der 1990 nach Vignacourt kommt, um Nachforschungen über das Hinterland der Front anzustellen. Er trifft Robert, der ihm die Geschichte ihrer Entstehung erzählt, veröffentlicht Artikel und unternimmt viele vergebliche Versuche, Frankreich und Australien für seinen Fund zu interessieren. Mehrere Jahre werden noch vergehen, ehe es ihm 2011 gelingt, ein Team australischer Journalisten nach Vignacourt zu holen.
Zu diesem Zeitpunkt ist Robert bereits seit etwa fünfzehn Jahren tot. Christian, sein Neffe und Erbe, empfängt die Reporter, die auf dem Dachboden rund 4.000 sorgfältig in Kisten aufbewahrte Glasplatten entdecken. Kerry Stokes, der Chef des Senders Seven Network, erwirbt sie. Er schenkt sie dem Australian War Memorial in Canberra, das sie fortan aufbewahren wird. Sie werden dort jedoch digitalisiert und dann der Gemeinde Vignacourt zur Verfügung gestellt. Ebenfalls in Canberra wird heute der Studiohintergrund aufbewahrt, vor dem Louis und Antoinette so viele Soldaten verewigten – Antoinette, die nur allzu gerne den eleganten, aber künstlichen neoklassizistischen Rahmen dieser Leinwand sprengte, um Aufnahmen zu schaffen, fernab der professionellen Ateliers und ihrer kitschig-propagandistischen Inszenierungen. Durch ihre Sensibilität gab Antoinette den Soldaten ihre Menschlichkeit zurück.
Ein Museum, eine zu entdeckende Geschichte und viele Projekte: Die Wiedergeburt des Thuillier-Hofs
Heute empfangen Valérie Vasseur und Angèle David – unterstützt von ihrer Praktikantin Charlotte Bilou – die Besucher auf dem ehemaligen Hof der Familie Thuillier. 2012 wird sich die Gemeinde des kulturhistorischen Wertes dieses Ortes bewusst und erwirbt ihn. Seither im Besitz der Stadt Vignacourt, wurde dort 2018 ein Museum eröffnet, das dem Werk von Louis und Antoinette gewidmet ist. Dank des Engagements eines australischen Paares, Michael und Donna Fiechtner, wurden Mittel gesammelt, um das alte Wohnhaus und seine Nebengebäude zu renovieren – unter anderem, um dort Gästezimmer einzurichten. Die Leidenschaft und das Wissen von Valérie und Angèle, unterstützt vom Verein Le Monde d’Antoinette, machen das Interpretationszentrum zu einem lebendigen und faszinierenden Ort. Hier wird eine Seite der Geschichte greifbar, in der es Menschen trotz sprachlicher und kultureller Barrieren gelang, einander näherzukommen und für einen Moment die Hölle des Krieges zu vergessen.
Infokasten 1
Während des Ersten Weltkriegs nahm das Dorf Vignacourt Tausende australischer Soldaten auf. Unmittelbar hinter der Sommefront gelegen und gut über die Bahnlinie nach Amiens angebunden, diente es den Truppen der Australian Imperial Force (AIF) zwischen zwei Kampfeinsätzen als Erholungs- und Stationierungszone. Nach der Gallipoli-Kampagne wurde das australische Expeditionskorps nach Frankreich verlegt. Zwischen 1916 und 1918 passierten Tausende dieser Freiwilligen Vignacourt und hinterließen eine bleibende Spur in der Geschichte und im Gedächtnis des Dorfes.

Infokasten 2
Wie später die Kriegsfotografinnen Christine Spengler oder Gerda Taro verstand es Antoinette, die Menschlichkeit hinter der Uniform einzufangen und einen eigenen, einzigartigen Blick auf den Krieg zu werfen. Anstatt sich auf die Aktion oder die Heroisierung des Kampfes zu fokussieren, stellten sie oft den Menschen in den Mittelpunkt, indem sie den Alltag im Krieg fotografierten: die Gesichter, die Stille, die Zivilisten und die Verletzlichkeit der Soldaten. Ihr Ansatz offenbart eine intime Erfahrung des Krieges und prägt eine persönlichere, menschlichere Erinnerung an die Konflikte. Gewiss, Antoinette hat nicht die Kampfzonen fotografiert, doch auch ihr Blick auf die Männer war anders – ein Blick, der ihnen ihre Menschlichkeit zurückgab.
Mehr erfahren:
1914-1918, le trésor oublié d’Antoinette et Louis
Ein wunderschönes Dokumentarfilm von Anne Mourgues (auf Französisch)
Centre d'interprétation Vignacourt 14-18
196 rue d’Amour
80650 Vignacourt
Öffnungszeiten:
Hauptsaison (April bis Oktober):
Dienstag bis Samstag: 10:00–18:00 Uhr Samstag und Sonntag: 14:00–18:00 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen
Nebensaison (November bis März):
Dienstag bis Samstag: 13:30–17:00 Uhr Sonntag, Montag und an Feiertagen geschlossen
Tel.: +33 6 73 69 55 49
E-Mail: vignacourt1418@gmail.com
Internet: Vignacourt 14-18
Facebook: Vignacourt 14-18
Instagram: Vignacourt 1418

KAPITEL 2
Das Haus der Thuilliers
Zwei Paare, ein Jahrhundert auseinander: der Thuillier-Hof in Vignacourt
Es reicht, den alten Thuillier-Hof zu betreten, um schnell zu spüren, dass das Adjektiv „alt“ nicht ausreicht, um ihn zu beschreiben. Zu sehr trägt die Atmosphäre dieses Gebäudes noch die Spuren der Frauen und Männer, die hier gelebt oder Station gemacht haben. Dem unerbittlichen Zahn der Zeit zum Trotz hat es sich einen Hauch von Leben bewahrt, eine Seele, in die sich Michael und Donna Fiechtner, ein australisches Ehepaar, verliebt haben. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Seele zu bewahren, indem sie das Haus restaurieren, um die Verbindung zwischen Gestern und Heute zu stärken. So haben sie mit sechsundsechzig Jahren ihre Laufbahn als Lehrer beendet, Brisbane verlassen und sich in Vignacourt niedergelassen. Mit dem Ziel, diesem Haus neues Leben einzuhauchen und es neu zu erfinden – einem Haus, das vor über einem Jahrhundert Louis und Antoinette Thuillier gehörte: einem Ehepaar, das der Erste Weltkrieg zu professionellen Fotografen machte. Für die Dauer dieses die Welt erschütternden Konflikts verstanden sie es, durch ihre Aufnahmen den Soldaten ihre Menschlichkeit zurückzugeben.



Flaschen aus einer anderen Zeit und eine glänzende Idee
In der Küche, in der wir für das Interview Platz genommen haben, wartet eine ganze Armee alter Flaschen geduldig gründlich abgestaubt zu werden: Einige tragen direkt in das Glas gravierte Aufschriften als Etiketten, andere, noch mit Tafelwein gefüllt, sind mit goldenen Aluminiumdeckeln und kleinen durchscheinenden Plastikkappen, die an winzige Strohhüte erinnern, verschlossen – typisch für die 1960er-1970er Jahre. Das Küchenfenster blickt auf die renovierte alte Scheune des Hofes, die ein Jahrhundert nach dem Ende der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs zum Interpretationszentrum Vignacourt 14-18 wurde. Überall fällt das Auge auf die allgegenwärtigen Porträts der Soldaten, die einst in den Lagern des Hinterlandes in Vignacourt Halt machten.

Antike Flaschen

Antike volle Flaschen

Die Heimat nicht vergessen

Antike Flaschen
Donna und Michael erklären mir den Zusammenhang zwischen den alten Flaschen, die in der Küche thronen, und dem israelisch-amerikanisch-iranischen Konflikt, der im Winter 2026 ausbrach, kurz vor ihrer Abreise nach Europa. Diese Feindseligkeiten veränderten den Verlauf ihres Projekts, als Unternehmen, die plötzlich zu finanzieller Vorsicht gezwungen waren, ihre für die Restaurierung des Thuillier-Hofs zugesagten Spenden einfroren. Ohne die Hoffnung zu verlieren, dass diese großzügigen Spender ihnen nach der Krise wieder die Hand reichen würden, machte sich das Paar sofort auf die Suche nach anderen Finanzquellen. Seitdem lassen Donna und Michael ihrer Kreativität freien Lauf, um ihr Projekt voranzubringen, und zeigen dabei, dass jede
zählt, ganz gleich, wie hoch sie ausfällt. Als sie im Keller alte Flaschen entdeckten, die dort seit Jahrzehnten schlummerten, war die Idee, sie zu reinigen und zu verkaufen, daher schnell geboren.
Später werden sie eine Wand schmücken. Mit Etiketten, die die Namen ihrer Käufer tragen werden, sollen sie daran erinnern, dass jede Spende – selbst die kleinste – ein Baustein ihres Projekts war. Nicht ohne einen Anflug von Stolz verkündet Michael, dass sie mit dem Verkauf bereits ein paar Tausend Euro eingenommen haben, eine willkommene Ergänzung für den Kauf der Fenster, die als Erstes ersetzt werden sollen.
Wie alles begann
Nichts deutete darauf hin, dass Michael und Donna jemals nach Frankreich reisen, geschweige denn sich dort dauerhaft niederlassen würden. Zwar hatte man Donna erzählt, dass sie als Kind einmal gesagt habe, sie werde eines Tages in Frankreich leben, sie selbst erinnert sich jedoch nicht daran. Und tatsächlich war es nicht der Wunsch zu reisen, sondern ein höchst ungewöhnlicher Umstand, der das Paar schließlich dazu bewog, sich auf den Weg zu machen.
Um das Jahr 2010 begann Donnas Nichte Alicia, jede Nacht von drei australischen Soldaten des Ersten Weltkriegs zu träumen, die am Fuß ihres Bettes standen und sie fest ansahen. Sie fragte ihre Tante, ob Mitglieder der Familie während des Großen Krieges gedient hätten. Donna wusste es nicht, erfuhr jedoch von ihrer Mutter, dass drei Großonkel – zwei mütterlicherseits und einer väterlicherseits – zu den sogenannten „Diggers“* gehört hatten. Zwei von ihnen waren auf dem Schlachtfeld gefallen, während der dritte mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung nach Hause zurückgekehrt war. Obwohl Donnas Mutter, Jahrgang 1921, die drei Männer selbst nicht gekannt hatte, konnte sie ihr ihre Namen nennen.
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Diese jungen Männer waren vermutlich 1915 aufgebrochen, in einer Mischung aus Unbekümmertheit und Loyalität gegenüber dem „British Empire“. Hatten sie sich, wie so viele andere, gesagt, der Krieg werde nur kurz dauern, dass ihnen danach die Tore von Paris weit offenstehen würden und sie mit einer Fülle von Geschichten im Gepäck in die Heimat zurückkehren würden? Sie zogen gemeinsam mit anderen jungen Idealisten los, die nach Ehre und Abenteuern dürsteten. Niemand ahnte damals, dass dieser Konflikt über 60.000 der 330.000 in Übersee eingesetzten Australier das Leben kosten würde, darunter 46.000 an der Westfront in Frankreich und Belgien.
Zu der Zeit, als Donna von der Existenz ihrer drei Großonkel erfuhr, bereiste ihr Sohn gerade Deutschland mit einem Wohnmobil und plante einen Abstecher nach Frankreich. Sie bat ihn, den Friedhof von Caëstre, unweit der belgischen Grenze, aufzusuchen, wo einer der Onkel, ein gewisser McKenzie, begraben lag. Am 1. Mai, dem Todestag McKenzies, stand ihr Sohn an dessen Grab. Nach diesem Tag hörten die Erscheinungen der drei Soldaten am anderen Ende der Welt auf.
Dies war wohl der Auslöser der regelmäßigen Reisen, die Donna und Michael in der Folge nach Frankreich unternahmen. Bald nahmen sie auch andere Australier mit. Sie halfen ihnen dabei, ihre historische Verbindung zum Norden Frankreichs zu entdecken und die Gräber ihrer im Krieg gefallenen Vorfahren zu finden.
Ein Jahr später stießen das Paar auf eine Reportage, die ein Team des australischen Fernsehsenders Channel Seven 2011 über eine Sammlung von mehr als 4.000 Fotoplatten gedreht hatte. Diese waren im ehemaligen Hof von Louis und Antoinette Thuillier in Vignacourt entdeckt worden und zeigten unter anderem australische Soldaten. Mehr brauchte es nicht, um die Neugier der beiden Geschichtsbegeisterten zu wecken und sie in dieses Dorf im Santerre zu locken, das während des Ersten Weltkriegs hinter der Front der Kämpfe um Amiens lag.




* So wie man die französischen Soldaten „Poilus“ und die britischen „Tommies“ nannte, war „Diggers“ der Spitzname der australischen Soldaten. Der Begriff bedeutet wörtlich „diejenigen, die graben“, und wird insbesondere mit ihrer Erfahrung im Stellungskrieg in Verbindung gebracht; seine genaue Herkunft ist allerdings nicht eindeutig geklärt.
Die Geburt einer Leidenschaft
Als Donna und Michael Anfang der 2010er-Jahre anlässlich der Gedenkfeiern zum Anzac Day** erstmals nach Vignacourt kamen, wurden sie von einer jungen Frau namens Lucille Werkin empfangen. Damals war sie Leiterin der „Maison des Australiens“, des Hauses der Australier, in Vignacourt und hatte mit einer Gruppe Jugendlicher an den Fotografien von Louis und Antoinette gearbeitet. Gemeinsam bemühten sie sich, das Andenken an jene Soldaten lebendig zu halten, die vom anderen Ende der Welt gekommen waren, um Frankreich zu verteidigen.
Es war der Beginn einer Reihe von Schulaustauschprojekten zwischen französischen und australischen Jugendlichen sowie von Aufenthalten, bei denen das Paar Landsleuten Vignacourt und die Schauplätze des Ersten Weltkriegs näherbrachte.
Damals existierte das Museum Vignacourt 14-18 noch nicht. Es wurde erst 2018 in der renovierten ehemaligen Scheune des Hofes eröffnet. Das Wohnhaus jedoch blieb mangels finanzieller Mittel verwaist. Doch Donna und Michael hatten sich längst in dieses Gebäude verliebt. Zwar gab es Restaurierungspläne, doch die Gemeinde war nicht in der Lage, die rund 800.000 Euro aufzubringen, die für die Arbeiten erforderlich gewesen wären. Daher musste die Stadtverwaltung 2023 sogar einen Abriss in Betracht ziehen.
Für das australische Paar war es jedoch undenkbar, dieses Haus verschwinden zu lassen – es musste gerettet werden. Von da an setzten sie Himmel und Hölle in Bewegung; ihre Bemühungen wurden im Dezember 2025 mit der Unterzeichnung eines zwanzigjährigen Pachtvertrags belohnt. Das Ziel: das Haus der Thuilliers in ein Café und eine historisch ausgerichtete Unterkunft zu verwandeln und es 2028 zum Anzac Day für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach Ablauf der zwanzig Jahre soll das Gebäude der Stadt übergeben werden, die es in ihr Kulturerbe aufnehmen wird.
** Der Anzac Day (25. April) ist ein nationaler Gedenktag in Australien und Neuseeland. Er ehrt die Soldaten des Australian and New Zealand Army Corps (ANZAC) und erinnert an die Landung auf Gallipoli am 25. April 1915, aber auch an die Kämpfe, an denen australische und neuseeländische Truppen beteiligt waren, insbesondere in der Region Hauts-de-France.
Ein Glas mal halb leer, mal halb voll – aber eine unerschütterliche Entschlossenheit
Nachdem Donna und Michael die Umstände geschildert haben, die sie nach Frankreich führten, laden sie mich ein, das Haus zu besichtigen. Wir durchqueren Räume, über die Tauben lange Zeit herrschten. Das Paar hat sie zwar nur ungern vertrieben, aber irgendwo musste man schließlich anfangen.
Hier und da gibt der Strohlehmputz der Fassade den Blick auf den Himmel frei, während einige Sonnenstrahlen durch die Mauer dringen. Schade, dass eine originalgetreue Restaurierung unmöglich ist. Die Vorhänge an den Fenstern wiegen sich sanft in der Brise, die durch einige zerbrochene oder gesprungene Scheiben ins Haus weht. Wie soll man sich vorstellen, was Antoinette, Louis und ihre beiden Söhne von diesen Fenstern aus beobachtet haben mögen, vor denen sich so viele Ereignisse abspielten?

In den Räumen löst sich die Tapete ab und gibt die darunter geklebten Zeitungen frei, mit denen man sie einst verstärkte. Dabei kommen Bruchstücke von Artikeln aus den 1950er Jahren zum Vorschein. Die Porzellansteckdosen und -schalter versprühen einen wunderbar altmodischen Charme. Alles hier soll erneuert und zugleich so gut wie möglich bewahrt werden.
Meine beiden neuen australischen Freunde strahlen, als sie mir von ihrem Vorhaben erzählen: ein Gästehaus mit angeschlossenem Café. Sie möchten daraus einen Ort der Begegnung und der Brüderlichkeit, einen Ort der Erinnerung machen. Hier konnten einst ausländische Soldaten durchatmen, um für einen Augenblick wieder zu den Männern zu werden, die sie eine Ewigkeit zuvor, vor dem Krieg, gewesen waren. Hier erhaschten sie einen Blick auf ein normales Leben, indem sie in Szenen schlüpften, die Antoinette und Louis mit ihrem intuitiven und einfühlsamen Objektiv festhielten: mit einer Heugabel in der Hand, einem Kind auf dem Schoß, auf einem Motorrad sitzend, mit schalkhaftem Blick, einer Zigarette im Mundwinkel oder beim Nachspielen eines improvisierten Kampfes. Doch hinter ihrem schüchternen oder draufgängerischen Lächeln, ihrem herausfordernden Blick oder ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit, während sie bisweilen mit einem ins Leere verlorenen oder von Traurigkeit verschleierten Blick in die Kamera schauten, träumten sie vermutlich von der Rückkehr in ihre Heimat. Wenn es so weit war, würden die Rückkehrer eine gemeinsame Erinnerung mit sich tragen: den zutiefst menschlichen Blick, den ein selbst vom Krieg gezeichnetes Paar auf sie geworfen hatte.
Noch heute ist diese Erinnerung in diesem Gebäude allgegenwärtig, auf Tausenden von Glasnegativen festgehalten, die Anfang der 1990er-Jahre dank des Historikers Laurent Mirouze wiederentdeckt und glücklicherweise vom australischen Philanthropen Kerry Stokes gerettet. Im Bewusstsein ihres enormen historischen Wertes, kaufte er die Sammlung und schenkte sie dem Australian War Memorial in Canberra, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit bewahrte er sie höchstwahrscheinlich vor der Zerstörung. Und genau diese Erinnerung wollen Michael und Donna mit ihrem Projekt verkörpern.
Der Schatz auf dem Speicher
Nun führt mich das Paar zum Höhepunkt der Besichtigung: dem Dachboden, wo die Truhe mit den Tausenden Glasnegativen entdeckt wurde. Um dorthin zu gelangen, muss man eine Art steile Müllertreppe nehmen, die vom Hof hinaufführt. Sie führt zum Kornspeicher, von dem aus das Getreide durch Trichter in die mechanischen Mühlen geleitet wurde, die bis heute im darunterliegenden Raum erhalten sind. „Vorsicht“, warnt mich Michael, „der Boden hat hier und da Löcher.“ Die Struktur sei jedoch stabil, also keine Gefahr! Um nun das zweite Stockwerk zu erreichen, wo sich die Truhe mit den Glasplatten befand, muss man eine Treppe ohne Geländer hinaufsteigen, die sich in einer Kurve nach oben windet und schließlich in den Dachraum mündet.
Freiliegende Balken, Spinnweben, die das Sonnenlicht filtern, der Staub der Jahre, ein alter Tresor, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „Le journal des percepteurs“ (Die Zeitung der Steuereintreiber) prangt und der sein Geheimnis vorerst eifersüchtig hütet, weil der Schlüssel unauffindbar bleibt – hier scheint alles in der Zeit erstarrt zu sein. Und genau hier hat Michael seine Glasplatten gefunden. Donna und er vermuten, dass Louis und Antoinette sie vor mehr als einem Jahrhundert auf der Oberkante der Dachbodenwand zum Trocknen legten und sie möglicherweise dann vergaßen. Mit den Jahren könnte sich das Haus gesetzt und verzogen haben, sodass die Platten vielleicht einfach dahinter gerutscht waren. Das Paar gibt die Hoffnung jedenfalls nicht auf, noch weitere zu finden.
Durch das Dachfenster des Raumes, der einmal zu einem Dachzimmer mit Whirlpool werden soll, sieht man die Kirche Saint-Firmin von Vignacourt. Vielleicht standen Antoinette und ihre Kinder hier am 11. November 1918 und betrachteten die Fahne, die drei unerschrockene Soldaten auf der Spitze des Kirchturms angebracht hatten, um in alle Winde das Ende des Krieges zu verkünden – eine Szene, die Louis festhielt, indem er unter anderem die zum Himmel gerichteten Gesichter der Bewohner fotografierte: fassungslos angesichts einer solchen Kühnheit und zugleich, nach all den Jahren des Leidens, noch immer ungläubig.
Heute, mehr als ein Jahrhundert später, ist das Gebäude in der 194 rue d’Amour der Ausgangspunkt für ein Projekt an der Schnittstelle zwischen Gestern und Heute. Bei diesem Abenteuer bringt jeder Tag seine Überraschungen mit sich – gute wie weniger gute. Doch ganz gleich, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist: Michael und Donna halten zusammen, und am Ende scheint – und hoffentlich wird – der Optimismus stets die Oberhand gewinnen. Falls Sie das Museum Vignacourt 14-18 nebenan mal besuchen kommen, stehen die Chancen gut, dass Sie Michael und Donna antreffen. Zögern Sie nicht, ihnen Fragen zu stellen und, wenn Sie mögen, eine ihrer alten Flaschen zu erwerben.
Infokasten
Bevor ich mich verabschiedete, schenkte mir Donna ihren Roman Photos in the Attic („Fotos auf dem Dachboden“, der leider nur auf Englisch erhältlich ist). 2022 veröffentlicht, erzählt er die Geschichte zweier unmöglicher Lieben: in Australien die von Bill und Isabella, deren Vater alles daransetzen wird, die beiden Liebenden voneinander fernzuhalten, und die Liebesgeschichte zwischen Bill und Rosie, einer jungen Krankenschwester, die bei ihrem Cousin und dessen Frau, Louis und Antoinette Thuillier, in Vignacourt Zuflucht gesucht hat, einem Dorf hinter der Front der Kämpfe im Raum Amiens.
Das Buch erzählt außerdem die Geschichte von Jimmy, Bills Freund, von seinen Schwierigkeiten als Aborigine, in die Armee aufgenommen zu werden, um in den Krieg zu ziehen und akzeptiert zu werden, und davon, dass auf seinem Grabstein nach seinem Tod schließlich die Inschrift „SOLDAT JAMES WALTON“ stand.
Die Handlung spielt in Australien, an der Somme-Front, aber auch auf dem Hof des Ehepaars Thuillier. Sie erzählt vom posttraumatischen Syndrom, unter dem Louis leidet, von den Beziehungen, die entstehen und wieder zerbrechen, vor allem aber von der seelischen Zermürbung durch den Krieg und den Momenten der Ruhe, in denen die Menschlichkeit wieder zum Vorschein kommt und die Menschen hinter den Soldaten sichtbar werden.
Photos in the Attic
Donna Fiechtner
BIG SKY PUBLISHING
Gemeinsam mit dem Archäologen Gilles Prilaux veröffentlichten Donna und Michael Fiechtner außerdem 2023 bei Big Sky Publishing das Buch Shadows beneath the Somme – graffiti from the great war – La cité souterraine de Naours. Darin werden die Geschichten von 40 Australiern erzählt, die in den Krieg zogen und ihre Namen in die Wände der Höhlen unter dem Dorf Naours einritzten.

Links:
The house of Thuillier
(Englisch/Französisch)
Hidden in Light - The House of Thuillier
(Mehr als nur eine Präsentation. Englisch)
Podcast
Why not! - Take a Chance! What happens next
(Englisch)
Unterstützen:
KAPITEL 3
Der chinesische Friedhof von Nolette
Ein Militärfriedhof für tapfere Männer, die keine Soldaten waren



Unter den unzähligen Militärfriedhöfen, die sich in der Somme entlang der Dörfer aneinanderreihen, gibt es einen, der – allen Anschein zum Trotz – nicht ganz als solcher gelten kann. Mitten in der offenen Landschaft gelegen, empfängt der chinesische Friedhof von Nolette, ein Weiler der Gemeinde Noyelles-sur-Mer, den Besucher auf der linken Seite mit einem Garten der Erinnerung, poetisch „Die Dimensionen des Friedens“ genannt. Dieser schlichte Ort erschließt sich über einen sanft ansteigenden, gepflasterten Weg, der zu einer kleinen Anhöhe führt, auf der sich eine steinerne Bank befindet. Sie ist mit Ideogrammen und französischen Worten versehen, entnommen dem Tagebuch von Gu Xingqing, dem Dolmetscher des Labour Corps, der darin das Schauspiel der Feierlichkeiten zum Ende des Krieges schildert. Im Winter scheint dieser massive Block über dem Horizont zu schweben; im Sommer hingegen, an die Maisähren des benachbarten Feldes gelehnt und beiderseits von zarten Gräsern gesäumt, lädt er dazu ein, Platz zu nehmen und sich der Ruhe dieses friedvollen Ortes hinzugeben, der sich zu allen vier Himmelsrichtungen öffnet. Kommt mit an diesen außergewöhnlichen Ort auf eine kurze Reise in Bildern und Worten, durch zwei Jahreszeiten und mehr als ein Jahrhundert Geschichte hinweg.
Die chinesischen Arbeiter des Ersten Weltkriegs: Nolette, eine wenig bekannte Episode
Der chinesische Friedhof von Nolette erinnert an eine wenig bekannte Episode des Ersten Weltkriegs, als die britischen Alliierten im Jahr 1917 das Chinese Labour Corps rekrutierten, um die kämpfenden Truppen logistisch zu unterstützen. Diese Arbeiter, auf fünf Jahre verpflichtet, waren keine Soldaten. Sie lebten jedoch in Lagern, in denen sie einer nahezu militärischen Disziplin unterstanden – davon zeugen unter anderem die Matrikelnummern, die ihnen zugewiesen wurden und ausnahmslos auf allen Grabsteinen verzeichnet sind.
Diese als „Coolies“ bezeichneten Arbeiter – ein abwertender, rassifizierter und häufig beleidigender Begriff für chinesische Arbeitskräfte – wurden zudem sorgfältig von der lokalen Bevölkerung ferngehalten. Um den gravierenden Arbeitskräftemangel im kriegsverwüsteten Europa auszugleichen, arbeiteten diese Männer täglich zehn Stunden, sieben Tage in der Woche – mit Ausnahme des chinesischen Neujahrs. Sie wurden im rückwärtigen Frontgebiet eingesetzt. Dort übernahmen sie unter anderem Be- und Entladearbeiten und Transporte, errichteten und unterhielten Infrastrukturen, setzten Material instand oder bargen die Toten von den Schlachtfeldern.
Nach dem Krieg räumten sie nicht nur die Felder von Blindgängern und verfüllten die Schützengräben, sondern beteiligten sich auch am Wiederaufbau, etwa beim Bau der Dorfschule von Nolette. In einem Klima gegenseitigen Misstrauens zwischen Europäern und Chinesen waren gewaltsame Übergriffe keine Seltenheit. Von den rund 140 000* Chinesen, die nach Frankreich gekommen waren, blieben lediglich etwa 2.000* dauerhaft – sie bildeten den Keim der chinesischen Gemeinschaft in Frankreich.
' Quelle: CNRS News
Nolette, letzte Ruhestätte der chinesischen Arbeiter des Ersten Weltkriegs
Der chinesische Friedhof von Nolette, der größte seiner Art in Frankreich und Europa, wurde 1921 von der Commonwealth War Graves Commission (CWGC) nach den Plänen des britischen Architekten Edwin Lutyens errichtet, der unter anderem auch das Thiepval-Denkmal entwarf. Er bietet mehr als 840 dieser zivilen Arbeiter eine letzte Ruhestätte. Die meisten von ihnen starben an Krankheiten, insbesondere an der Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1919 wütete; andere kamen bei Arbeitsunfällen ums Leben oder fielen Unterernährung, Kälte oder mangelnder Hygiene zum Opfer. Einige verloren ihr Leben zudem bei Einsätzen in den Kampfzonen oder in deren unmittelbarer Nähe.
Das Denkmal für die Vermissten des Chinese Labour Corps
In die Umfassungsmauer des Friedhofs integriert, erinnert ein Denkmal an rund vierzig chinesische Arbeiter ohne bekannte Grabstätte. Auf den Grabsteinen wie auch auf dem Denkmal selbst finden sich zahlreiche Inschriften. So ist auf den Grabsteinen etwa zu lesen: „A good reputation endures for ever“ („Eine gute Reputation währt ewig“) oder „Faithful unto death“ („Treu bis in den Tod“). Auf der Umfassungsmauer finden sich unter anderem die Inschriften „Their glory shall not be blotted out“ („Ihre Ehre soll nicht ausgelöscht werden“) sowie „1914 – The missing of the Chinese Labour Corps – 1918“ („1914 – Die Vermissten des Chinese Labour Corps – 1918“).
Nolette: ein Ort des Gedenkens und der Würdigung
Der Architekt Edwin Lutyens hat dem Friedhof von Nolette unter Wahrung der stilistischen Vorgaben der Commonwealth War Graves Commission (CWGC) eine wahrhaft chinesische Seele verliehen. Schon am Eingang offenbart sich dieser Geist in einem Tor fernöstlicher Prägung, bewacht von zwei Zedern – stillen Hütern der Schwelle. Sie weisen den Weg zu einer großen, altehrwürdigen Kiefer, eingebettet in einen dichten Teppich aus Bergenien. Eine halbkreisförmige Steinbank umgibt den Baum und bietet im Sommer einen willkommenen Platz im wohltuenden Schatten seiner weit ausladenden Äste.
Seit 2002 finden Mitglieder der chinesischen Gemeinschaft in Frankreich am ersten Sonntag im April auf den Friedhof von Nolette zusammen, um das Qingming-Fest zu begehen. Zu diesem Gedenkfest der Toten versammeln sich Historiker, lokale Mandatsträger, chinesische Vereinigungen sowie Diplomaten; so nahm etwa der chinesische Botschafter an der allerersten Zeremonie teil.
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Heute treffen die Verstorbenen und die Geschichte im Herzen von Nolette aufeinander, wo sich eine Bronzestatue erhebt, die 2023 von der chinesischen Gemeinschaft gestiftet wurde. Auf einem Granitsockel weithin sichtbar, zeigt sie drei chinesische Arbeiter inmitten ihrer Arbeit. Der erste hält eine Hacke, der zweite trägt einen Holzschbalken, der dritte eine Trage – ein Sinnbild für die Tätigkeiten, die diesen Männern zugewiesen waren. Zwei Marmorlöwen wachen über diese Szene, die im Zentrum eines kleinen französischen Dorfes zunächst befremdlich wirken mag. Doch sie ruft in Erinnerung, dass diese Männer, einst ausgegrenzt, heute einen Ehrenplatz innerhalb einer Gemeinschaft einnehmen, die ihnen die verdiente Anerkennung zollt.
Januar 2026
Cimetière chinois de Nolette
Chemin rural
80860 Noyelles-sur-Mer
Um mehr über den Ersten Weltkrieg in der Somme zu erfahren, lohnt sich ein Besuch der unterirdischen Stadt von Naours sowie des Interpretationszentrum Vignacourt 14-16.
KAPITEL 4
Die unterirdische Stadt von Naours
Eine fast vergessene Welt
Taucht mit mir ein in den Schoß der Erde, dorthin, wo Mythos und Geschichte verwoben sind. Man erzählt sich, dass die Höhlen von Naours schon im 9. Jahrhundert als Zuflucht vor den Wikingerüberfällen dienten. Doch mehr als ein bloßer Unterschlupf ist diese unterirdische Stadt ein wahres Steinschiff, das durch die Zeitalter gleitet. Folgt mir auf den Spuren jenes visionären Abtes, der sie dem Vergessen entriss, jenes Architekten einer Reise durch die Archipele der Vergangenheit.
Die unterirdische Stadt von Naours: eine Wirklichkeit, so faszinierend wie die Legenden
Auch wenn die These von Wikingereinfällen durch die Forschung nicht bestätigt werden konnte, ließ sich doch eindeutig nachweisen, dass im 15. Jahrhundert der Kreideabbau begann und ein Netzwerk von 28 Gängen mit 300 Kammern und Gemeinschaftsräumen entstand – von denen heute etwa die Hälfte besichtigt werden kann. Rund 2.000 Menschen konnten dort während kriegerischer Zeiten zusammen mit ihrem Vieh und ihren Ernten unterkommen. Die Bewohner organisierten diesen unterirdischen Komplex wie ein echtes Dorf: mit Straßen, Plätzen, Ställen, Wohnbereichen, Kapellen, Belüftungsschächten und Kaminen. Der Rauch wurde über ein ausgeklügeltes Lüftungssystem abgeleitet, sodass er in sicherer Entfernung der eigentlichen Feuerquelle austrat. So konnte man den Feind in die Irre führen. Dank dieses Systems der Muches – der „Verstecke“, wie sie im Picardischen genannt werden – konnte man sich im Falle von Gefahr sogar über mehrere Monate dort aufhalten.



Von Flüchtlingen und Schmugglern: die „Muches“ im Wandel der Jahrhunderte
Im Laufe der Jahrhunderte diente die unterirdische Stadt immer wieder als Zufluchtsort, etwa während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), einem Konflikt, der tief in religiösen Spannungen verwurzelt war. Nach dieser Epoche dienten die „Muches“ den Salzschmugglern als Versteck. Dort versteckten sie sich vor den „Gabelous“, jenen königlichen Abgesandten, die den Auftrag hatten, die staatliche Salzsteuer – die Gabelle – einzutreiben. Diese Steuer war im Norden Frankreichs besonders hoch und galt als extrem ungerecht. Sie führte immer wieder zu Aufständen und wurde schließlich am 1. März 1790 von der verfassunggebenden Nationalversammlung unter Ludwig XVI. endgültig abgeschafft. Mit dem Verschwinden des Salzschmuggels gerieten auch die „Muches“ zunehmend in Vergessenheit.
Der Abt und die vergessene Stadt
Erst 1887 wurde die vergessene unterirdische Stadt durch einen leidenschaftlichen Historiker und Archäologen wiederentdeckt: den Abbé Ernest Danicourt (1846–1912), Pfarrer von Naours von 1885 bis zu seinem Tod im Jahr 1912. Er hatte archäologische Forschungen zur gallorömischen Präsenz in der Umgebung begonnen. Mit Hilfe der Dorfbewohner entdeckte er den Eingang zum Steinbruch von Naours. Von der Bevölkerung weiterhin unterstützt, widmete er sich über mehrere Jahre hinweg der Räumung der Gänge und legte dabei Alltagsgegenstände, Tierknochen, Fossilien und Münzen frei – es ist sogar von der Entdeckung von zwanzig Goldmünzen die Rede. Er arbeitete an der Identifizierung der verschiedenen Räume und benannte die Galerien zur besseren Orientierung nach den Straßen an der Oberfläche.
Das Lebenswerk des Abtes Danicourt fand am 3. Juli 1893 seine Anerkennung, als sich im unterirdischen Stadtkomplex von Naours Mitglieder dreier gelehrter Gesellschaften versammelten: der Société française d’archéologie, der Société d’émulation d’Abbeville und der Société des antiquaires de Picardie. Eine Gedenksäule erinnert noch heute an dieses Ereignis. Sie trägt die Inschrift: „Zur ewigen Erinnerung – 3. Juli 1893 – Der Archäologenkongress Frankreichs, zur 60. Sitzung in Abbeville versammelt, begibt sich zur Besichtigung der Kirche und der unterirdischen Anlagen.“ Darunter folgen die Namen der Kongressteilnehmer. Aus einem vergessenen Ort wurde somit ein anerkanntes Kulturerbe. Unter der Leitung von Ernest Danicourt, der sich bis zu seinem Tod für die Erhaltung, Gestaltung und Aufwertung der Anlage einsetzte, wurde die unterirdische Stadt ab dem Jahr 1906 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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33 Meter unter der Gegenwart
Die unterirdische Stadt von Naours mit ihrer Geschichte und besonderen Atmosphäre hat die Kraft, selbst jemanden zu verzaubern, der – wie ich – enge Räume nur schwer erträgt. Ich muss gestehen: Wäre ich nicht von meiner Freundin Élisabeth eingeladen worden, hätte ich garantiert immer wieder einen Grund gefunden, mich vor diesem 33 Meter tiefen Abstieg in die kühle Erde zu drücken. Man betritt die unterirdische Stadt durch ein Häuschen. Links davon ist eine Stele aus dem Jahr 1898 den wissenschaftlichen Disziplinen gewidmet ist, die bei den Forschungen in der unterirdischen Anlage zum Einsatz kamen. Hinter der Tür des schlichten Fachwerkbaus aus Ziegelstein blickt der Besucher direkt auf das Porträt von Abbé Danicourt, das über einem mehrstufigen Treppenabgang hängt – ein Anblick, der rasch alle Vorstellungen von bodenlosen Abgründen zerstreut. Unten wirken die Kreidewände so stabil, dass man das Gewicht der Tonnen von Gestein über sich rasch vergisst. Die Luftschächte, auch wenn sie keinen Blick in den Himmel erlauben, haben ebenfalls etwas Beruhigendes. Man beginnt sich vorzustellen, wie die Menschen damals hier lebten, auf der Flucht, in diesen zwar begrenzten, aber schützenden Räumen.
Mit dem Abt Danicourt durch die Zeitalter
Die unterirdische Stadt ist eine wahre Zeitmaschine, die uns bis in ferne prähistorische Epochen entführt. Der Abt Danicourt hatte es sich bei seinen Ausgrabungen zur Aufgabe gemacht, verschiedenste Fossilien sichtbar zu machen, die er mit schwarzer Farbe umrahmte, damit dem Besucher auf seinem „Streifzug durch die Zeitalter“ kein einziges Detail entgehen würde. Hier und da ergänzte er seine Funde mit kleinen Texten – oft mit einem Hauch von Poesie. So liest man etwa: „Inocerame von besonders anmutiger Form“, als Beschreibung einer versteinerten Meeresmuschel, oder: „Form von Schornstein A und oberer Galerie B, die in einen zweiten Luftschacht C münden, durch den der Rauch über den Schornstein D des Häuschens des Müllers abgeleitet wurde, um den Feind zu täuschen“ – eine beschriftete Illustration am Eingang eines Kanals, sowie: „Das Monster-Pfeilerwerk – Gesamthöhe 22 Meter, Fundament 60 Kubikmeter“, eine Notiz über das Tragewerk der Rotunde – eines weiten Raumes, über dem eine Marienstatue wacht. Die Decke dieses Saals bildet der Boden einer falschen Kapelle, die man von außen zwischen den Baumwipfeln am Hang erkennt. Der Spaziergänger wird draußen vergeblich nach einem Weg zu diesem Bauwerk suchen – das in Wahrheit keines ist und dennoch seinen ganz eigenen Zauber entfaltet. Nach so viel Weite führt der Weg durch einen niedrigen Gang – nur 1,60 Meter hoch –, den man nur gebeugt passieren kann, als verneige man sich vor der Geschichte. Man gelangt dann zu einem Raum, in dem sich ein kleiner Obelisk erhebt – Erinnerungszeichen an das Treffen der drei gelehrten Gesellschaften in Naours, mit den Namen der Teilnehmer des Kongresses von 1893. Auch andere Zeitebenen melden sich hier zu Wort: Von Abbé Danicourt sorgsam eingefasste Fossilien zeugen vom uralten Charakter des Ortes, während die Graffiti alliierter Soldaten und hie und da eine Mohnblume, oder gar ein ganzer Kranz, an eine jüngere Vergangenheit erinnern. Zeit wird hier fast zu einem Raum – scheint nicht mehr unüberwindbar. Viele Besucher vertiefen sich lange in diese vielschichtige Spurensuche durch die Geschichte. Wer dem "Andrang" entkommen möchte, braucht sich nur zur sogenannten ‚Ahnenhalle‘ und danach zur Quergalerie mit dem Christus am Kreuz zu begeben. Daran schließen sich das Museum alter Handwerksberufe und schließlich das Interpretationszentrum an, das uns allmählich wieder an die Gegenwart heranführt. An dessen Wänden hängen Porträts und Fotografien junger Männer, die lachend in die Kamera blicken, Schneeballschlachten ausfechten, Bockspringen spielen oder auf Bäume klettern – mit einer kindlichen Unbekümmertheit und Leichtigkeit, als tobte der Krieg nicht nur wenige Kilometer entfernt.
1915–1918: Die unterirdische Stadt, eine Zuflucht für alliierte Soldaten
Während eines Großteils des Ersten Weltkriegs lag das Dorf etwa 30 Kilometer vom Frontverlauf entfernt und wurde zu einem Rückzugsort für Soldaten, die im Département Somme stationiert, auf Urlaub oder auf dem Durchmarsch waren. Ab 1915 wurde die unterirdische Stadt für sie zu einem Ort der Erholung, einer Art „Ferienziel“, wo Briten, Australier, Kanadier und Neuseeländer Ablenkung und eine kurze Flucht vor dem Schrecken des Krieges suchten.
Zwischen 1915 und 1918 hinterließen sie etwa 3.000 Graffiti: Namen, Dienstnummern, Regimenten, Daten, Herkunftsorte oder persönliche Botschaften – die im Jahr 2014 vom Archäologen Gilles Prilaux vom INRAP (Institut national de recherches archéologiques préventives) wiederentdeckt wurden. Ein Interpretationszentrum, das diesen Soldaten auf der Durchreise gewidmet ist, wurde 2015 eröffnet. Es empfängt die Besucher am Ausgang der Grotten und vermittelt Einblicke in den Alltag dieser Männer, die in Naours ein paar Augenblicke Leichtigkeit und Sorglosigkeit suchten – wie zahlreiche ausgestellte Fotografien belegen. Das Zentrum hat zudem dazu beigetragen, dass Nachkommen alliierter Soldaten Spuren ihrer Vorfahren wiederfinden konnten.
Die Stadt im Zweiten Weltkrieg: ein Kapitel mit vielen offenen Fragen
Die Nutzung der Grotten während des Zweiten Weltkriegs ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige Berichte sprechen davon, dass die Briten zu Beginn des Krieges dort ein Treibstofflager eingerichtet hätten. Die Deutschen wiederum sollen die Anlagen ab etwa 1941 bis 1943 als Munitionsdepot und später als Verteidigungsbasis genutzt haben. Diese Annahmen gelten jedoch als unsicher, da es an belastbaren Belegen fehlt. So bleibt dieses Kapitel in der Geschichte der Grotten von Naours weitgehend im Dunkeln – und wartet noch darauf, weiter erforscht zu werden.
Und an der Oberfläche …
Es fällt schwer die unterirdische Stadt zu verlassen, wo die Vergangenheit so greifbar scheint, ohne sich zu wünschen, eines Tages erneut darin einzutauchen. Draußen überrascht die sommerliche Wärme und holt den Besucher nach und nach in die Wirklichkeit zurück. Ein Spaziergang durch den Park führt zunächst zu einem reizenden Wassermühlenhäuschen, flankiert von einem kleinen Teich und einer Miniaturinsel mit einer einzelnen Palme. Weiter geht es zu einem kleinen Streichelzoo mit Bauernhoftieren und einem Spielplatz. Dort erinnern Rutschen, Schaukeln und Kletternetze in Insektenform daran, dass auch die Entomologie zu den auf der Stele erwähnten wissenschaftlichen Disziplinen zählt. Einige Treppenstufen weiter, entlang eines Kletterwaldparcours und schattiger Wege, erreicht man schließlich eine Anhöhe, auf dem sich zwei hölzerne Bockwindmühlen erheben. Obwohl sie „importiert“ wurden – die eine stammt aus Linselles im Norden Frankreichs, die andere aus dem belgischen Stavele – erinnern sie auf dem Hügel „du Guet“ stolz an eine längst vergangene ländliche Kulturlandschaft. Erfüllt von all den Eindrücken kann der Besucher sich vor der Heimreise in der Brasserie des Muches erfrischen oder in der Souvenirboutique stöbern, die unter anderem die gläsernen Mohnblumen einer lokalen Kunsthandwerkerin in den Mittelpunkt stellt.
Um mehr über den Ersten Weltkrieg in der Somme zu erfahren, lohnt sich ein Besuch des chinesischen Friedhofs in Nolette sowie des Interpretationszentrum Vignacourt 14-16.
Dezember 2025

Und an der Oberfläche …
Es fällt schwer die unterirdische Stadt zu verlassen, wo die Vergangenheit so greifbar scheint, ohne sich zu wünschen, eines Tages erneut darin einzutauchen. Draußen überrascht die sommerliche Wärme und holt den Besucher nach und nach in die Wirklichkeit zurück. Ein Spaziergang durch den Park führt zunächst zu einem reizenden Wassermühlenhäuschen, flankiert von einem kleinen Teich und einer Miniaturinsel mit einer einzelnen Palme. Weiter geht es zu einem kleinen Streichelzoo mit Bauernhoftieren und einem Spielplatz. Dort erinnern Rutschen, Schaukeln und Kletternetze in Insektenform daran, dass auch die Entomologie zu den auf der Stele erwähnten wissenschaftlichen Disziplinen zählt. Einige Treppenstufen weiter, entlang eines Kletterwaldparcours und schattiger Wege, erreicht man schließlich eine Anhöhe, auf dem sich zwei hölzerne Bockwindmühlen erheben. Obwohl sie „importiert“ wurden – die eine stammt aus Linselles im Norden Frankreichs, die andere aus dem belgischen Stavele – erinnern sie auf dem Hügel „du Guet“ stolz an eine längst vergangene ländliche Kulturlandschaft. Erfüllt von all den Eindrücken kann der Besucher sich vor der Heimreise in der Brasserie des Muches erfrischen oder in der Souvenirboutique stöbern, die unter anderem die gläsernen Mohnblumen einer lokalen Kunsthandwerkerin in den Mittelpunkt stellt.
Kurze Einführung der drei gelehrten Gesellschaften, deren Fachleute und fachkundige Laien sich 1893 in Naours versammelten und der unterirdischen Stadt zu wissenschaftlicher Anerkennung auf nationaler und regionaler Ebene verhalfen. Damit legten sie den Grundstein für die spätere Aufwertung dieses Kulturerbes.
1. Société française d’archéologie
Gründung: 1834 durch den normannischen Archäologen, Historiker und Philanthropen Arcisse de Caumont. Als gemeinnützig anerkannt.
Zielsetzung: Erforschung und Bewahrung von Denkmälern und Kulturgütern sowie deren Vermittlung durch wissenschaftlich hochwertige Publikationen. Die Gesellschaft gibt jährlich ein Bulletin sowie vierteljährlich die Tagungsberichte ihres Kongresses heraus.
Website: www.sfa-monuments.fr
2. Société d’émulation d’Abbeville
Gründung: Am 13. Vendémiaire des Jahres VI (4. Oktober 1797) durch mehrere Persönlichkeiten der Stadt, darunter Eugène Pioger (erster Vorsitzender), Jules Boucher de Crèvecœur (Vater von Jacques Boucher de Perthes, der als Pionier der Prähistorik in Frankreich gilt) und Adrien Tillette de Mautort.
Zielsetzung: Förderung der Literatur, Wissenschaft und Kunst, mit besonderem Fokus auf lokaler Geschichte, Geografie und Archäologie, insbesondere der Stadt Abbeville und ihrer Region. Die Gesellschaft veröffentlicht regelmäßig Werke und ein jährliches Bulletin.
Website: www.societe-emulation-abbeville.com/présentation
3. Société des antiquaires de Picardie
Gründung: 1836 durch Historiker und Archäologen aus Amiens.
Zielsetzung: Erforschung von Kunst und Geschichte der Picardie und der picardischen Sprachräume von den Ursprüngen bis in die Gegenwart. Seit 1851 als gemeinnützig anerkannt. Die Gesellschaft zählt heute rund 180 Mitglieder. Sie war maßgeblich an der Gründung des Musée de Picardie beteiligt und schenkte es 1869 der Stadt Amiens.
Ihre Forschungsergebnisse werden in den „Mémoires“ und „Bulletins“ veröffentlicht.
Website: Société des Antiquaires de Picardie
Facebook: Société des Antiquaires de Picardie
Instagram: @societedesantiquairesdepicardie
Praktische Informationen für Besucher (Cité souterraine de Naours)
Juli–August: täglich von 10:00 bis 18:30 Uhr geöffnet
April, Mai, Juni, September: 10:00–17:30 Uhr (Wochenenden bis 18:30 Uhr)
Februar–März: 10:00–16:30 Uhr
1. Oktober bis Ende der Allerheiligenferien (Zone B): 10:00–17:30 Uhr
Geschlossen: montags außerhalb der Hochsaison
Jährliche Schließung: von Ende der Allerheiligenferien (Zone B) bis 31. Januar
Gruppenbesuche ab 15 Personen möglich – nur mit Voranmeldung
Feiertage geschlossen: Ostermontag, 1. Mai
Letzter Einlass: 1,5 Stunden vor Schließung
Geführte Besichtigungen und Audiogeführte Besichtigungen
Audioguide verfügbar in folgenden Sprachen
Französisch, Englisch, Niederländisch, Deutsch, Spanisch und Französischer Gebärdensprache (alle Sprachen jeweils in Versionen für Erwachsene und Kinder erhältlich).
Empfehlungen
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Temperatur in der Grotte: 9 °C → warme Kleidung empfohlen.
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Schwaches Licht → ggf. Taschenlampe oder Smartphone mitnehmen.
Cité souterraine de Naours
5 rue des Carrières
80260 Naours – Frankreich
📞 Tel.: +33 3 22 93 71 78
📧 E-Mail: contact@citesouterrainedenaours.fr
🌐 Website: www.citesouterrainedenaours.fr
📘 Facebook: Cité souterraine de Naours
📷 Instagram: @citesouterrainedenaours
Die unterirdischen Gänge der Anlage sind derzeit aufgrund von Erhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen geschlossen. Grund dafür sind nicht nur Schäden an den Wänden und an den Graffiti, die auf den Publikumsverkehr und die Nähe der Besucher zu bestimmten Mauern zurückzuführen sind, sondern auch die natürliche Erosion.
Der übrige Teil der Anlage bleibt jedoch zugänglich: das Interpretationszentrum zum Ersten Weltkrieg, der zehn Hektar große Park, der Hochseilgarten sowie der Minigolfplatz.
KAPITEL 5
Das Museum der Gebrüder Caudron
Pionniere der Luftfahrt
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Das Fremdenverkehrsamt von Rue und das Caudron-Museum teilen sich ein Gebäude gegenüber der Heilig-Geist-Kapelle. Um zu den Sammlungen zu gelangen – bestehend aus Modellen, Trophäen und Fotografien – durchquert man zunächst das Touristenbüro, über dem ein Ornithopter schwebt und seine Flügel aus Baumwolle und Weidenholz zum Willkommensgruß ausbreitet. Dieses Modell im Maßstab eins zu zwei eines Flugapparats, den der preußische Ingenieur Otto Lilienthal entworfen hatte, erinnert zugleich daran, dass auch Lilienthal das Schicksal vieler Luftfahrtpioniere teilte: Am 9. August 1896 stürzte Lilienthal bei einem Flugversuch am Gollenberg tödlich ab. Doch das Museumsmodell lädt den Besucher dazu ein, in die Geschichte der Fliegerei einzutauchen – an der Seite zweier Brüder, denen eine Karriere als Flugzeugbauer kaum vorherbestimmt schien. Lassen wir diese Flugmaschine, diesen Ikarus-Traum, der wie aus einem Kodex von Leonardo da Vinci entsprungen scheint, hinter uns und begrüßen wir die beiden Hauptfiguren unserer Geschichte.
Unzertrennlich
Am Eingang des Museums stehen zwei Marmorbüsten, die nichts von dem außergewöhnlichen Abenteuer der unzertrennlichen Brüder erahnen lassen: rechts Gaston, der ältere, mit noch leicht kindlichen Gesichtszügen und ernstem Ausdruck; links René, jugendlicher und, man möchte fast sagen, verführerisch. Zwei Brüder aus bäuerlichem Milieu, denen keine Laufbahn als Flugzeugbauer vorherbestimmt schien und die dennoch 10.330 Flugzeuge bauten und in ihren Flugschulen (Le Crotoy, Ambérieu en Bugey, Guyancourt-Voisins-le-Bretonneux, Royan et Rochefort-sur-Mer) nahezu 9.000 Piloten ausbildeten.
Im Jahr 1900 sind Gaston sechzehn und René vierzehn Jahre alt, als die Familie die Ferme du Thurel verläßt – wo die Eltern als Landarbeiter tätig waren –, um die Ferme de Romiotte in Ponthoile zu pachten. Jahre später werden sie dort ihre ersten Flüge unternehmen. Gaston, ein fleißiger und exzellenter Schüler, träumt davon, Ingenieur zu werden. René hingegen interessiert sich vor allem für Sport. Doch beide entwickeln eine Leidenschaft für Mechanik und für die verschiedensten und mitunter gefährliche Experimente.
Die Luftfahrt steckt noch in den Kinderschuhen, doch Konstrukteure und Piloten wecken bereits die Begeisterung der Öffentlichkeit. Das Publikum verfolgt fasziniert die Leistungen von Clément Ader, dem die Erfindung des Wortes „Avion“ – der französischen Bezeichnung für Flugzeug – zugeschrieben wird, von Louis Blériot, der 1909 den Ärmelkanal überquert, oder von den Brüdern Wright, Orville und Wilbur, die 1903 das erste motorisierte Flugzeug erfolgreich erproben. 1904 erhalten die Brüder Wright in Frankreich ein Patent für ihre Flugzeuge. Vier Jahre später reist Wilbur nach Le Mans, um dort Vorführungen zu geben, insbesondere kontrollierte Kurvenmanöver und längere Flüge.
Optimismus und Beharrlichkeit
Zu jener Zeit befinden sich Gaston und René noch in ihrer „Bastelphase“. Ihr Wunsch, ein zweimotoriges Flugzeug zu bauen, scheitert: Die bestellte Lieferung trifft nicht ein. Um 1908 hat Gaston, seit einem Jahr mit Charlotte Devisme verheiratet und Vater der kleinen Odette geworden, den Wein- und Spirituosenhandel seines Schwiegervaters im nahen Städtchen Rue übernommen. René hingegen ist auf dem Hof von Romiotte geblieben.
Doch ihr Traum lebt weiter: Nachdem der Bau eines motorisierten Flugzeugs gescheitert ist, beschließen die Brüder 1909, ihre Stute Luciole (Glühwürmchen) vor dem Segelgleiter zu spannen. René nimmt darin Platz, während Gaston, vorsichtiger Familienvater, die Zügel hält. Noch heute erinnert eine Stele gegenüber dem ehemaligen Familienhof an die ersten, noch geradlinigen Flüge der beiden Pioniere, die sie immerhin auf eine Höhe von rund fünfzehn Metern führten. Errichtet wurde die Stele im Mai 1938 von Freunden und Bewunderern der Caudron-Brüder unter der Schirmherrschaft des Aéro-Club de France und auf Initiative ehemaliger Angehöriger der Escadrille 202. Sie trägt folgende Inschrift:
„Ihr, die ihr hier vorbeikommt, sollt wissen, dass an diesem Ort im Jahr 1909 zwei Männer aus der Picardie, Gaston und René Caudron, ihre ersten Flüge mit einem von ihnen selbst entworfenen und gebauten Flugapparat unternahmen.

Seit jenem denkwürdigen Tag ist ihr Name für immer in die Geschichte der Luftfahrt eingegangen.“
Der Aufstieg
Dank ihrer Hartnäckigkeit und der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern verbessern Gaston und René stetig ihren Flugapparat. So gelingt es ihnen erstmals, zehn Kilometer am Stück zu fliegen. Im Frühling desselben Jahres gründen sie ihre Fabrik in Rue, über deren Eingang stolz die Aufschrift „AÉROPLANES CAUDRON FRÈRES“ prangt. Gleichzeitig eröffnen sie eine Flugschule in Le Crotoy, direkt am Meer, wo weder Vegetation noch Geländerelief die Flugübungen der angehenden Piloten behindern. Die Schüler werden in Le Crotoy ausgebildet und erwerben dann ihre Flugzeuge in Rue. Nun floriert das Geschäft – auch wenn die Produktion noch handwerklich geprägt bleibt. Es waren jedoch das Interesse der Armee an Caudron-Flugzeugen und der Krieg, die das Unternehmen zur Großindustrie katapultierten, seinen Ruhm begründeten und zur Zusammenarbeit mit Renault führten.
Zuvor waren etwa 9.000 Piloten bei Caudron ausgebildet worden: Flieger wie der legendäre Jules Védrines, der 1919 auf dem Dach der Galeries Lafayette landete, Adrienne Bolland, die 1921 als erste Frau die Anden mit dem Flugzeug überquerte, der Schweizer François Durafour, der im selben Jahr auf dem Mont Blanc landete, oder Bessie Coleman, eine Ikone des Kampfes gegen die Rassentrennung, die als erste afroamerikanische Pilotin und als erste schwarze Frau überhaupt 1921 einen Pilotenschein erwarb. Zu den Schülern der Flugschule in Le Crotoy gehörte auch ein junger Mann aus dem Dorf Longpré-les-Corps-Saints: Philippe Marty, dem nur eine kurze, wenn auch kometenhafte Karriere beschieden war. 1911 als Mechaniker angestellt, erhielt er 1912 im Alter
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von 19 Jahren seinen Pilotenschein und wurde im gleichen Jahr Chefpilot. Für eine glänzende Zukunft bestimmt, führte er schon bald Flugvorführungen durch, die ihn bis nach Schottland brachten, wo seine kühnen Kunstflüge ihm jubelnden Beifall einbrachten. Doch diese vielversprechende Karriere endete tragisch in England. 1913 verließ Marty die Caudron-Werke, um als Chefpilot zu der Grahame White Company in London zu wechseln. Während einer Kunstflugvorführung in Hendon kam er am 26. April 1914 ums Leben, als er einen Spiralsturzflug ausführte. Wenige Tage zuvor war er 21 geworden. Sein Leichnam wurde nach Longpré überführt, wo er neben seinem älteren Bruder Maurice ruht, der für Frankreich am 29. Oktober 1914 im Alter von 33 Jahren fiel.
Vom Ersten Weltkrieg bis in die Zwischenkriegszeit
1913 nehmen die Spannungen in Europa zu und der Krieg zeichnet sich am Horizont ab. Allmählich beginnt sich auch das Militär für die Gebrüder Caudron zu interessieren. Im selben Jahr stellen sie ihren Doppeldecker dem französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré und dem spanischen König Alfons XIII vor. Der wachsende Ruf der Caudron-Flugzeuge erreicht China, das 12 Maschinen bestellt. Während die Flugzeuge in Einzelteilen mit dem Schiff transportiert werden, reist René mit einigen Arbeitern aus der Fabrik in Rue mit der Transsibirischen Eisenbahn ins Reich der Mitte. Vor den staunenden Augen ihrer chinesischen Kunden gelingt dem Schreiner Boffa und dem Mechaniker Martinèche das Kunststück, jedes Flugzeug innerhalb von dreißig Minuten zusammenzubauen. Der französische Konstrukteur und sein Testpilot Émile Obre führen anschließend die Flugtests durch. Bei diesen Tests entstehen die ersten Luftaufnahmen der Verbotenen Stadt – ein Ereignis, das einen Meilenstein in der Geschichte der Fotografie darstellt.
Im August 1914 bricht der Krieg aus, und die deutschen Truppen rücken in Richtung Küste vor (im September erreichen sie Amiens). Um dem Vormarsch der deutschen Armee zu entgehen, wird die Verlegung der Fabrik nach Lyon angeordnet. Gaston, der das Unternehmen leitet, wird beauftragt, Prototypen zu entwerfen, die den Anforderungen des Militärs entsprechen, während René in die Nähe von Paris, nach Issy-les-Moulineaux, abkommandiert wird, um eine zweite Fabrik aufzubauen, die bis zu 1.300 Arbeiter beschäftigen wird. Ab 1915 arbeitet er dort mit Henry Potez und Marcel Bloch – dem späteren Marcel Dassault – an der Serienproduktion des Flugzeugs G3 zusammen.
Angesichts der wachsenden militärischen Nachfrage und des Bedarfs an einer raschen Produktionssteigerung stellen Gaston und René ihre Konstruktionen aus patriotischem Pflichtgefühl und zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen auch ausländischen Herstellern zur Verfügung. Dabei verzichten sie auf Lizenzgebühren. So werden Caudron-Flugzeuge in England, Italien, dem Russischen Reich, den Vereinigten Staaten, Spanien und Belgien gefertigt, allerdings jeweils mit lokalen Anpassungen.
Am 12. Dezember 1915 testet Gaston, wie gewohnt, einen seiner Prototypen. Doch an diesem Tag zerbricht das Flugzeug in der Luft, fängt Feuer und stürzt ab. Der ältere der Caudron-Brüder kommt dabei ums Leben – im Alter von nur 33 Jahren. Er hinterlässt seine Ehefrau Charlotte und seine damals erst sieben Jahre alte Tochter Odette.
Trotz dieses schmerzhaften Verlustes bleibt René an der Spitze des Werks in der Pariser Vorstadt. Die Caudron-Staffeln setzen den Kampf mit den in Issy-les-Moulineaux gebauten Flugzeugen fort, während Überführungspiloten die Maschinen testen und anschließend zu den Ausbildungsstätten oder an die Front fliegen. Die seit August 1914 geschlossene Flugschule von Le Crotoy, nimmt 1915 den Unterricht wieder auf, um dem erhöhten Bedarf an Piloten nachzukommen, und führt ab 1917 eine spezielle Bombenabwurf-Schulung ein.
![]() LuftasseBessie Coleman | ![]() LuftasseFrançois Durafour | ![]() LuftasseAdrienne Bolland |
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![]() LuftassePhilippe Martys Grab in Longpré-les-Corps-Saints | ![]() LuftasseSadi-Joseph Lecointe |
Vom Kriegsende zum Aufschwung von Caudron
Der Krieg endet, und das Unternehmen Caudron floriert weiter – selbst nach der Schließung der Flugschule 1928, als die Gemeinde Le Crotoy beschließt, den Strand für Badegäste zu öffnen und den Tourismus zu fördern. Das Ende des Ersten Weltkriegs, von dem man gehofft hatte, er werde der letzte aller Kriege sein, bedeutet zugleich das Ende der militärischen Aufträge. René schließt die Fabrik in Lyon und sieht sich gezwungen, zwei Drittel der Belegschaft zu entlassen. In Issy-les-Moulineaux läuft das Geschäft unter den schwierigen Bedingungen der internationalen Konkurrenz wieder an.
René passt seine Strategie an und diversifiziert die Produktion: Wasserflugzeuge, Transportmaschinen, Reise- und Sportflugzeuge und – zurück zu den Wurzeln – Schulflugzeuge. So entsteht der Caudron Luciole, eine Hommage an die Stute, die die ersten Schritte des Luftfahrtabenteuers der Gebrüder begleitet hatte. Dieses robuste Flugzeug, ausgestattet mit einem Renault-Motor, ist speziell dafür konzipiert, Fehler von Flugschülern zu verzeihen. Es wird zu einem der beliebtesten Schulflugzeuge seiner Zeit.
Trotz der hervorragenden Qualität der Flugzeuge, des Innovationsgeistes und des guten Rufs der Société des avions Caudron bleibt die Luftfahrtindustrie durch den Börsenkrach von 1929 geschwächt. Das Unternehmen benötigt frisches Kapital, um sich zu modernisieren. Zu dieser Zeit möchte Louis Renault, der bereits seit dem Ersten Weltkrieg Flugmotoren herstellt, sein Engagement in der Branche ausbauen. So entsteht die Société Anonyme des Avions Caudron (SAAC), an der Renault mit 55 % eine Mehrheitsbeteiligung übernimmt. Obwohl René nun Minderheitsgesellschafter ist, setzt er die Arbeit mit seinem technischen Leiter Marcel Riffard und sechs brillanten Ingenieuren fort. Gemeinsam produzieren sie Flugzeuge, die den kühnsten Leistungen der großen Pilotinnen und Piloten ihrer Zeit gerecht werden. An ihren Steuerknüppeln werden zahlreiche Rekorde in Geschwindigkeit, Reichweite und Flughöhe aufgestellt.
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Dem Zweiten Weltkrieg entgegen und darüber hinaus
Noch vor der Schließung der Flugschule in Le Crotoy 1928 hatte René bereits 1926 die Schule in Ambérieu-en-Bugey übernommen. Nun eröffnet er drei weitere. Die Vorboten eines neuen Krieges zeichnen sich ab, und die Spannungen in Europa nehmen zu. René, frisch verheiratet, verkauft seine restlichen Anteile an Renault und verlässt die SAAC 1937. Die Fabrik wird im Juni 1940 beschlagnahmt und arbeitet fortan unter der Kontrolle der Besatzer. Nach der Befreiung wird das Unternehmen verstaatlicht und in die Ateliers aéronautiques d’Issy-les-Moulineaux umgewandelt. Doch der Kreis schließt sich erst wirklich nach dem Krieg, als 300 Segelflugzeuge des Typs Caudron Épervier – ein Modell, das bereits 1940 entworfen worden war – produziert werden. Sie erinnern daran, dass einst zwei junge, von Begeisterung getragene Pioniere und eine Stute namens Luciole mit einem motorlosen Fluggerät den Himmel eroberten.
Fast 45 Jahre nach Gaston stirbt René am 27. September 1959 in der Somme. An einem Sonntag mit der Familie, während die Männer auf der Jagd sind und die Frauen in der Küche arbeiten, legt er sich für ein Nickerchen hin – und schläft für immer ein. Wenige Monate zuvor hatte er mit Weggefährten noch das fünfzigste Jubiläum seines ersten Fluges mit seinem älteren Bruder gefeiert.
In Rue wurde die ehemalige Fabrik der Gebrüder Caudron (Aéroplanes Caudron Frères) abgebaut. Aber das Musée des frères Caudron ehrt sie sowie alle Männer und Frauen, die sie bei der Eroberung des Himmels begleiteten. Auch die nahe Stadt Le Crotoy hat sie nicht vergessen: Straßennamen, das Hôtel Les Aviateurs oder der Chemin des Avions in Strandnähe erinnern daran, dass dieser Badeort einst eine Wiege und ein bedeutendes Zentrum der Luftfahrt war.

Ich danke Arlette Sanchis, dass sie mir erlaubt hat, einige ihrer Illustrationen zu verwenden, um Kapitel 3 über das Musée des frères Caudron zu bereichern.

Ein herzliches Dankeschön an die Mitarbeiter:innen des Denkmalpflegeteams der Stadt Rue: Karine Bellart für ihre wertvollen Informationen und ihre wohlwollenden Korrekturen; Virginie Desmarest dafür, dass sie mir geholfen hat, den Kontakt zu Karine herzustellen – und darüber hinaus; Robin Frenel für seinen Empfang und seine Höflichkeit.
Allen dreien danke ich für ihren Elan, ihr Engagement und ihre Freundlichkeit.



Karine Bellart Robin Frenel Virginie Demarest
Denkmalschutz & Tourismusbüro
10 Place Anatole Gosselin
80120 Rue
Karine Bellart, Virginie Demarest und Robin Frenel bilden das Denkmalpflege-Team. Im Tourismusbüro, das sich seine Räume mit dem Museum der Brüder Caudron teilt, heißen Ihnen Virginie und Robin das ganze Jahr über mit einem Lächeln willkommen: Dienstag bis Samstag von 9:30 bis 12:30 Uhr und von 14:00 bis 17:00 Uhr.
Geschlossen sonntags, montags und an Feiertagen.
Telefon: +33 3 22 25 69 94
E-Mail: servicedupatrimoine.rue@gmail.com
Website: www.rue-baiedesomme.com
Facebook: Rue en Baie de Somme
KAPITEL 6
Haus Sadi Lecointe
Auf den Spuren von Frauen und Männern, die alles riskierten
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In Beaucamps-le-Jeune, an der Kreuzung der Rue d’Aumale und der Rue Sadi Lecointe, steht ein schmuckes Fachwerkhaus aus hellen Ziegelsteinen mit einem Schieferdach und weißen Fensterläden – alle geschlossen. Nicht, um die dort ausgestellte einzigartige Sammlung an Uniformen, Fotos und Gegenständen zu verstecken, sondern um die historischen Exponate zu schützen. Denn tatsächlich, sobald man eintritt, enthüllt Patrick Lecointe, der Eigentümer, alle Geheimnisse seiner Kollektion. Im Jahr 2022, nach der COVID-Pandemie, gründeten er und seine Frau Jeannine, mit der er seit mehr als sechzig Jahren verheiratet ist, dieses Museum – zu Ehren von Patricks Großonkel „Haus Sadi Lecointe“ getauft. Die ausgestellten Schätze sind das Ergebnis der unersättlichen Neugier des passionierten 82-jährigen Luftfahrthistorikers. Seine Leidenschaft gilt nicht nur seinem Vorfahren Joseph Sadi Lecointe, Flieger und Held des Ersten Weltkriegs, sondern auch der Geschichte der Luftfahrt sowie den beiden großen Konflikten, die die Welt im vergangenen Jahrhundert erschütterten. Sie verdeutlichen sein ganzes Engagement für die Erinnerung an den Mann, der Jean Moulins Weggefährte und Freund war – eine Leidenschaft, die seit jenem Tag auf dem Dachboden des Familienhauses begann, als er alte Dokumente entdeckte.
![]() Das Museum | ![]() Heißluftballon |
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![]() Im Vorraum | ![]() Guynemers Einberufungskoffer |
Von den Gebrüdern Caudron zu Sadi Lecointe
Im Februar 2026 weckte im Tourismusbüro der Stadt Rue ein DIN-A4-Blatt meine Neugier – insbesondere die darauf abgebildeten Figuren in ihren farbenprächtigen Uniformen. Als Virginie Desmaret, Kulturvermittlerin der Stadt, mein Interesse bemerkte, empfahl sie mir nachdrücklich einen Besuch des Museums, dessen Prospekt sowohl den historischen Wert als auch die menschliche Dimension der Sammlung hervorhob. Wie so oft nimmt man sich vor, etwas zu tun, und vergisst es dann wieder – es sei denn, der Zufall hilft nach. So führte mich bei meinem zweiten Besuch im Museum der Gebrüder Caudron, in Rue, eine glückliche Fügung mit Patrick Lecointe zusammen, dem Gründer des „Musée du Souvenir Français – Maison Sadi Lecointe“. Er lud mich ein, seine Sammlung in Beaucamps-le-Jeune zu besichtigen.
Ein langgestrecktes Bauernhaus mit verschlossenen Fensterläden
Patrick und seine Frau, die etwa eine Stunde entfernt wohnen, öffnen das Museum nach Vereinbarung. Heute haben wir uns verabredet und sie warten bereits auf mich. Der Morgen ist sehr kühl, und im Inneren des Bauernhauses, dessen Fensterläden Patrick aus Sorge um seine Ausstellungsstücke so gut wie nie aufsperrt, ist es sogar richtig kalt.
Doch diese Unannehmlichkeit ist schnell vergessen, sobald man die Schwelle überschreitet und in längst vergangene Epochen eintaucht. Im Vorraum thront ein Kamin aus roten Ziegelsteinen miteinem schlicht, aber kunstvoll gearbeiteten gusseisernen Mantel – typisch für die Picardie des 19. Jahrhunderts. Darin schwebt das Modell eines Heißluftballons, das an die Anfänge der Eroberung des Himmels erinnert. Sofort fällt der Blick auf den Einberufungskoffer von Georges Guynemer, dem Ass des Ersten Weltkriegs, der 1917 unter mysteriösen Umständen über Belgien verschwand – im Alter von nur 23 Jahren. Ein gut gefülltes Besucherbuch, geschmückt mit einem Doppeldecker, an den Wänden Fotos von Sadi Lecointe und überall verteilt allerlei Gegenstände, die einst ihm gehörten, bilden den Ausgangspunkt der Geschichte, die Patrick lebhaft schildert. Er zeichnet das Leben seines Ahnen, des Fliegerasses, nach, und die Geschichte der beiden großen globalen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber flicht er die menschliche Dimension ein, auf deren Hintergrund sich diese Ereignisse entfalteten.
Ein schwieriger Start ins Leben
Patrick erzählt seine Geschichte menschlich und greifbar, und lässt dabei immer wieder Zeitgenossen Joseph Sadi Lecointes auftreten: die Gebrüder Caudron, die Wright-Brüder, Charles Nungesser, Georges Guynemer oder auch Josephine Baker, die von seinen Ratschlägen als erfahrener Pilot profitieren konnte. Mit spürbarer Emotion spricht er auch von seinen Freunden Eugene Bullard, dem ersten afroamerikanischen Piloten der Geschichte, und Jean Moulin, an dessen Seite er im Widerstandsnetzwerk Rafale-Andromède kämpfte.
Das Leben des späteren Fliegerasses, das 1891 im unweit von Beaucamps-le-Jeune gelegenen Saint-Germain-sur-Bresle begann, stand jedoch zunächst unter keinem guten Stern: Sein Vater, Séraphin Lecointe, ist Alkoholiker und misshandelt seine Frau Noémie. Das Ehepaar verlässt Beaucamps und lässt sich in Gourchelles nieder, dem Heimatdorf Séraphins im Département Oise. Dort kommen zwei weitere Söhne zur Welt: Juste im Jahr 1896 und Marcel im Jahr 1898. Als Noémie ihr viertes Kind erwartet, wird sie abermals Opfer der Gewalt ihres Mannes. Sie flieht zu ihren Eltern nach Beaucamps-le-Jeune, wo ihr Sohn, Philogène, zur Welt kommt. Das Kind stirbt jedoch nach wenigen Wochen. Noémie überlässt Juste und Marcel der Obhut ihrer Eltern, Émile und Argentine Lemire. Sie zieht mit Sadi nach Nogent-sur-Oise und später nach Creil. Zuvor hat sie vor dem Gericht von Amiens Klage gegen Séraphin eingereicht. Das Gericht spricht die Scheidung aus und verurteilt den gewalttätigen Ehemann zu acht Tagen Haft.
Vom Dachdecker und Bauklempner zum Widerstandskämpfer Monsieur Pierre
Als Dachdecker und Bauklempner findet Sadi eine Anstellung als Mechaniker und Schweißer bei einem Konstrukteur, der ein kleines Flugzeug, das Zénith, herstellt. Am 30. Januar 1910 bietet er an, die Maschine zu testen – obwohl er keinerlei Flugerfahrung hat. Es ist der Beginn einer Leidenschaft, die seinem Leben eine neue Richtung gibt. Etwas mehr als ein Jahr später erhält er seinen zivilen Pilotenschein. Später bei Anzani, einem Motorenhersteller, angestellt, führt er Flugdemonstrationen durch und erwirbt am 20. September 1913 seinen militärischen Pilotenschein.
Von da an ist sein Weg vorgezeichnet. Während eines Aufklärungsfluges am 8. August 1914 gerät die Maschine des Sergeanten Lecointe unter Beschuss. Das Flugzeug wird beschädigt, sein Beobachter verwundet. Dennoch kehrt er zu den französischen Linien zurück, nimmt einen Ersatzmann an Bord und startet zu einem erneuten Aufklärungsflug – ein mutiges Verhalten, für das er eine Belobigung erhält.
Ab 1915 wird er Ausbilder. Zu dieser Zeit hätten die Soldaten lieber „in der Luft als in den Schützengräben“ sterben wollen, erklärt Patrick. Die Ausbildung war damals äußerst rudimentär: Nach nur drei Wochen Ausbildung hatten die Flugschüler zwei Versuche. Bestandene Prüfungen führten zur Erteilung des Pilotenscheins, andernfalls kehrten die Kandidaten zu ihrer ursprünglichen Truppengattung zurück.
Das Pilotenleben war damals jedoch keineswegs ungefährlich. Lediglich die Beobachter in den Fesselballons verfügten über genügend Platz in ihren Gondeln, um die sperrigen Fallschirme mitzuführen. Die Piloten selbst hatten diese Möglichkeit nicht, was erklärt, warum so viele von ihnen in ihren Flugzeugen ums Leben kamen. Bis zum Ende des Krieges bildete Sadi rund 1.500 von ihnen aus.
1919 kehrt er ins Zivilleben zurück und wird zu einem der bedeutendsten Rekordflieger seiner Zeit. Er stellt zahlreiche Bestmarken auf, unter anderem im Höhenflug, als er im März 1919 ohne Sauerstoffmaske eine Höhe von 8.900 Metern erreicht, ebenso wie im Geschwindigkeitsflug. Dabei bricht er immer wieder seine eigenen Rekorde. So erzielt er am 12. Dezember 1920 eine Geschwindigkeit von 313 km/h und erlangt damit weltweite Berühmtheit.
Doch der Himmel allein genügt dem Freund von Ettore Bugatti nicht. Auch im Motorsport macht er von sich reden. So gewinnt er unter anderem Ende Oktober 1920 beim prestigeträchtigen Léon-Bollée-Wettbewerb in Le Mans das Geschwindigkeitsrennen.
In den 1920er-Jahren setzt sich Sadi für die ehemaligen Piloten des Ersten Weltkriegs ein und zählt zu den Mitbegründern der Vereinigung „Les Vieilles Tiges“, die sich der Bewahrung des luftfahrtgeschichtlichen Erbes, der Solidarität unter Fliegern sowie der Weitergabe der Leidenschaft für die Luftfahrt an jüngere Generationen widmet. 1927 gründet er die „Association des professionnels navigants de l’aviation“ (Verband der Luftfahrtprofis, APNA). Zu den Aufgaben der APNA zählen Versicherungs- und Vorsorgefragen sowie die Vertretung der Interessen und des Status des fliegenden Personals. Beide Organisationen bestehen bis heute fort.

1936 herrscht ein Mangel an Piloten in der Luftfahrt. Im November desselben Jahres beauftragt Jean Moulin, damals Kabinettschef im Luftfahrtministerium der Volksfrontregierung, Sadi Lecointe mit der Organisation der Schulen der Aviation populaire (Volksfliegerei). Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird der Oberstleutnant einberufen. Nach dem Waffenstillstands von 1940 wird er aus dem Militärdienst entlassen. Später verweigert er die Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern. Als Strafe beschlagnahmt die Vichy-Regierung sein Vermögen, entzieht ihm seinen Offiziersrang, nimmt ihm die Ehrenlegion ab und kürzt einen Teil seiner Pension. Vorher hat er jedoch zahlreichen Piloten geholfen, nach England zu fliehen oder Gibraltar zu erreichen.
Diesmal verlässt er Paris, um sich seinem Freund Jean Moulin und dem Widerstandsnetzwerk Rafale-Andromède in der unbesetzten Zone bei Tours anzuschließen. Er nimmt den Decknamen Monsieur Pierre an. Das Netzwerk übermittelt Informationen an die Briten, unter anderem zu Hitlers Plan, einen Amerikabomber zu bauen, um New York zu zerstören – ein Projekt, das dank der Überwachung durch die Résistance während des Krieges scheiterte.
Verraten von einem Mitglied des Netzwerks, wird Sadi im Frühjahr 1944 verhaftet und in die Gestapozentrale am Square Rapp in Paris gebracht.
Von Kollaborateuren gefoltert wird er wenige Tage später in einem Zustand großer Schwäche ins Krankenhaus Saint-Louis eingeliefert, wo er am 15. Juli 1944 stirbt. Beigesetzt wird er zunächst auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise. 1946 überführt man seine Überreste nach Beaucamps-le-Jeune, wo er an der Seite seiner Mutter ruht. Ihr hatte er 1911, kurz nach Erhalt seiner Pilotenlizenz, ein Buch mit dem Titel „Les conquérants du ciel“ geschenkt, in dem er folgende Widmung geschrieben hatte:
« An dich, Mama, die immer an mich geglaubt hat. Dein geliebter Sohn, der jetzt Flieger ist. Danke. 11. Februar 1911. Paris. Sadi Lecointe. »

Patrick Lecointe – ein passionierter Luftfahrt- und Geschichtsliebhaber
Der Vorraum, den ich nun hinter Patrick verlasse, führt in einen langen Saal, bevölkert von Mannequins in echten Uniformen, die Sadi Lecointes Enkel entweder erworben oder geschenkt bekommen hat. Und zu jedem dieser Exponate kennt mein Gastgeber eine Geschichte, eine Anekdote oder einen historischen Hintergrund.
So stellt er mir nacheinander den jungen Charles Nungesser vor, der 1927 gemeinsam mit François Coli beim ersten Versuch, von Paris nach New York zu fliegen, spurlos verschwand, Eugene Bullard in seiner originalen Uniform, einen Flieger in einem Otterfellmantel, der ihn vor der eisigen Kälte in großer Höhe schützen sollte, deutsche und japanische Soldaten, ein kleines Mädchen in einem aus einem Fallschirm gefertigten Kommunionkleid sowie eine Krankenschwester, die über einen sterbenden Soldaten wacht, der vom Propeller einer Caudron-Maschine tödlich getroffen wurde. Doch diese Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig. Und all diese regungslosen Gestalten, die Patrick regelmäßig neu anordnet und ergänzt, scheinen sich geradezu verschworen zu haben, den Besucher auf immer neue, ebenso lehrreiche wie fesselnde, Reisen mitzuziehen. Zumal die Fülle an Modellen, Fotos und historischen Objekten der Neugierde unzählige Anknüpfungspunkte bietet.
Jeannine reißt uns aus unserem Gespräch mit einem willkommenen Kaffeeangebot. Nach diesem Besuch völlig durchfroren, nehme ich dankbar an. Wir nehmen in der Küche Platz, die eher einem Museum gleicht als einer Wohnstube. Nebenbei erfahre ich, dass mein Guide auch Autor zahlreicher Werke ist, darunter « Sadi Lecointe, pilote providentiel » (Sadi Lecointe, ein Pilot zur rechten Zeit). Obwohl viele davon vergriffen sind, sind sie auf der Website der Französischen Nationalbibliothek* erhältlich.
Um diesen mehrstündigen Einblick in die Geschichte des Souvenir français abzurunden, bietet Patrick an, mir seinen Fundus zu öffnen. Er und Jeannine haben ein Häuschen auf einem an das Bauernhaus angrenzenden Grundstück erworben. Dort lagern Schätze aus jüngerer Zeit, vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg. Zugegeben, es ist nur ein Lagerraum – und doch ist auch hier alles so angeordnet, dass es die Geschichten aus ferner Zeiten erzählt.
Nun verlasse ich meine Gastgeber, denen ich herzlich für ihre Gastfreundschaft danke und für die beiden Bücher, die mir Patrick geschenkt hat. Er zeigt mir, wie ich zum Friedhof am Ortsausgang finde. Ein Gemeindeangestellter stutzt das Grün am Straßenrand. Außer ihm niemand. Er packt seinen Rasentrimmer weg, und ich bleibe allein zurück – begleitet nur vom Konzert der Vögel. Die morgendliche Kühle ist verflogen und die Frühlingssonne scheint sie zu beflügeln.


Das Familiengrab Lemire-Lecointe erinnert daran, dass Sadi neben seiner Mutter ruht, zu der er sein Leben lang eine enge Bindung hatte. Die Inschriften auf dem Grabstein lassen erahnen, wer Sadi Lecointe war: Pilot, Flieger, vielfach dekorierter Held, Rekordhalter, Widerstandskämpfer und noch so viel mehr – ein Mann, dessen Lebensweg Patrick Ihnen mit Emotion und Leidenschaft schildern wird, wenn Sie einen Termin mit ihm vereinbaren. In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen immer seltener werden, sind Persönlichkeiten wie er wertvoller denn je.
MUSÉE DU SOUVENIR FRANÇAIS
Maison Sadi Lecointe
3 rue d’Aumale
80430 Beaucamps-le-Jeune
BESUCH NACH VEREINBARUNG
Festnetz: +33 3 21 81 77 51
Mobil: +33 6 20 23 93 81
Mail: Jeannine62140@orange.fr
Facebook: Patrick Lecointe


























































































































































































