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Hinter den Landschaften und dem Erbe der Somme verbergen sich Geschichten, Gesichter, aber auch herausragende Persönlichkeiten und Figuren. Handwerker Kunsthandwerker, Künstler, Schriftsteller, Kreative, historische Persönlichkeiten und sogar ein Pferd, der Henson, ein lebendiges Wahrzeichen der Sommebucht. Entdecken Sie ihre Porträts und erfahren Sie, wie sie auf ihre eigene Weise die Identität dieser Region prägen und lebendig halten.

PORTRAIT Nr. 1

L’Atelier 22, Galerie und Ort künstlerischen Schaffens

Pont des Arts, die Brücke der Künste, im Reich der Farben

Lysiane Lécuyer • Philippe Deverdieu-Fouchard

Charlotte Londiche • Marc Kraskowki

Schon lange sind Kunstausstellungen nicht mehr das Privileg der Städte. In Neuville-Coppegueule erhebt sich gegenüber der Kirche Saint-Pierre ein Gebäude aus dem Jahr 1880, das bis in die 1950er-Jahre zugleich Rathaus und Knabenschule war. In den darauffolgenden Jahrzehnten diente es abwechselnd als Jugendhaus und als Boule-Club, später – bis 2021 – als Wohnstätte. Schließlich wurde das Gebäude, wo sich einst die Feuerwehr versammelte und lange die Stimmen eines probenden Kinderchors nachhallten, verlassen und dem Verfall preisgegeben. Vögel nahmen den Dachboden in Besitz, und allmählich begann das Haus zu verfallen – denn auch Häuser brauchen, wie Menschen, Wärme und Zuneigung, um nicht zugrunde zu gehen.

 

Dieses jedoch fand zwei Retter: Lysiane Lécuyer und Philippe Deverdieu-Fouchard, beide leidenschaftlich der Kunst verbunden und zugleich verliebt in dieses traditionelle Backsteingebäude mit seinem Schieferdach, den Gauben und einem Klassenzimmer mit hohen Fenstern, aus denen sich die Fantasie der Schüler wohl manches Mal auf abenteuerliche Streifzüge hinausstahl.

Atelier 22
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Affiche
Atelier 22 L'entrée
Atelier 22 - Neuville Coppegueule  - extérieur détail
Atelier 22 - Neuville Coppegueule - Philippe Deverdieu - extérieur 2
Atelier 22 - Solaire
Atelier 22 - Beauté 2

Wie zwei Seiltänzer auf dem Faden der Zeit

Lysiane aus Neuville-Coppegueule und Philippe aus der Sologne begegneten einander in der Schweiz – am Theater. Sie war Schauspielerin, er Kostümbildner. Sie verliebten sich, und das Leben führte sie nach Paris, wo Philippe vierzig Jahre lang die Nähateliers großer Modehäuser leitete: Dior, Lacroix, Saint Laurent, Gaultier, Mugler, Chloé und Balenciaga. Von den ersten Schritten ihrer Liebe bis heute sind sie gemeinsam den Weg der Kunst. Lysiane wandte sich ganz der bildenden Kunst zu Beginn der 2000er-Jahre zu, und Philippe schloss sich ihr bald an.  Seither arbeiten sie Hand in Hand und inspirieren sich gegenseitig.

Schreitet man über die Schwelle des Ateliers 22, so betritt man einen Ort des Schaffens und des Austauschs: Ein Schwarm von Kristallstopfen ergießt sich kaskadenartig in den offenen Raum der geschwungenen Treppe, während sich in einer großen Vitrine eine Sammlung überdimensionaler Flakons zeigt – darunter ein eindrucksvoller Stiletto des Duftes Good Girl von Carolina Herrera. All das erinnert den Besucher daran, dass er sich im Herzen der Glass Vallée befindet, dem weltweit führenden Produktionszentrum für Luxusflakons. Über die imposante Flakonvitrine wacht eine Hüterin: eine Schaufensterbüste. Sie verkörpert die fließende Eleganz der Silhouetten, die der legendäre Modeillustrator René Gruau einst für Christian Dior ersann.

 

Atelier 22 - Neuville Coppegueule - Vitrine
Atelier 22 - Neuville Coppegueule - Vitrine - Le stiletto Caroline Herrera
Atelier 22 - Neuville Coppegueule - l'atelier de Philippe 1
Atelier 22 - Neuville Coppegueule - l'atelier de Philippe 2
Atelier 22 - Neuville Coppegueule - l'atelier de Philippe 3Laine et perles de céramique

Zwar wurde das Innere des Gebäudes renoviert und modernisiert, doch bleibt die Vergangenheit stets spürbar. Sie begegnet einem in kleinen Andeutungen, wie bei einer Spurensuche, als schlüge eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. So rahmten zwei Pfeiler, die heute Raum für freie Inszenierungen bieten, einst den Ofen, der die Schüler und ihren Lehrer vor der Kälte des Winters schützte.  Lysiane und Philippe bewegen sich zwischen damals und heute: Sie schöpfen ganz selbstverständlich aus den Schätzen vergangener Tage, um sie in die Gegenwart und in neue Vorstellungswelten mitzunehmen.

Ein Blick ins Allerheiligste

Bei meinem letzten Besuch gewährte mir Philippe Einblick in sein Atelier, den Raum, in dem sich einst die Feuerwehr versammelte und die Kinder ihre Lieder probten. In farbenfroher Fülle mischen sich Objekte aus Philippes Laufbahn in der Welt der Haute Couture und des Luxus mit entstehenden Arbeiten wie etwa von Lysiane bemalte Stoffe, die Philippe für die neue Ausstellung des Atelier 22 in Traumkleider verwandelt hat.

Pont des Arts

Die lyrische Malerin Charlotte Londiche und der bildende Künstler Marc Kraskowski haben sich Lysiane und Philippe angeschlossen und präsentieren gemeinsam eine farbenprächtige, geradezu überschäumende Ausstellung, in der Materialien und Formen aufeinanderprallen, miteinander in Dialog treten und ineinanderfließen – ein heiterer Rundgang durch eine Welt voller Farben und Formen.

 

Charlotte Londiche, im Rausch der Farben

Charlotte Londiche, ehemalige Schülerin der Kunsthochschule, blickt auf 40 Jahre Malerei und Ausstellungen rund um den Globus zurück. Heute pendelt sie zwischen ihren Ateliers in Cambron und Paris. Sie zeigt zwei Werkserien, in denen sich die Widrigkeiten des Lebens in „Sous toutes les coutures“ (Naht für Naht, von allen Seiten betrachtet) und der Abschied von der Vergangenheit in „À tout casser“ (Kurz und klein – und neu erschaffen) unter ihren Händen in leuchtende, lebensfrohe Kunstwerke verwandeln.

Atelier 22 - Charlotte Londiche
Atelier 22 - Charlotte Londiche - Sous toutes les coutures
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser - Une vague lèche une étoile
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser -  Rose
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser -  détail
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser -  Grève de porcelaine
Atelier 22 - Charlotte Londiche - À tout casser -  détail 2

Als ein Oberarmbruch sie am Malen hinderte, fiel ihr etwa wieder ein, dass sie schon als Kind die Kleider ihrer Puppen bemalt hatte? Wie dem auch sei: Die einzige Bewegung, die ihr Arm noch zuließ, brachte sie auf die Idee, sich wieder an die Nähmaschine zu setzen. Aus ihrer Inspiration und Fantasie entstanden Werke, in denen Formen und Farben ganz selbstverständlich miteinander verschmelzen.

 

Diese Auseinandersetzung mit der Arte Povera setzt sich in „À tout casser“ fort. Statt das angeschlagene Familiengeschirr im Müll landen zu lassen, entschied sich Charlotte, dieses Material – Erinnerungsstücke an die Hochzeit ihrer Großmutter, die Taufe ihrer Mutter oder auch an ihre eigene frühere Ehe – zu retten. Daraus komponierte sie ein farbenfrohes Mosaik, dessen Details man wie kurze Kapitel einer Geschichte erkundet: hier eine Rose, dort eine Welle, die gerade einen Stern zu umspülen scheint, oder ein Glassplitter, der an einem Strand aus Porzellan angespült wurde. Eine Geschichte, in der das, was eigentlich verschwinden sollte, ein neues Gesicht bekommt.

Marc Kraskowski, bildender Künstler, Bewahrer und Schöpfer

Genau diese Verbindung von Bewahren und Neuschaffen macht Marc Kraskowski zu seinem künstlerischen Anliegen. Der Künstler, der sich selbst als Bildhauer und Objektkünstler bezeichnet und im benachbarten Département Oise in Senantes lebt, arbeitet mit den unterschiedlichsten Materialien: handgefertigter Keramik, Fliesen aus Fayence oder Zement, wie man sie an der Pikardischen Küste und in der Normandie findet, Ziegeln, Sicherheitsglas und Eisen. Wie Charlotte bewahrt er, was verloren gegangen wäre, und lenkt den Blick auf das, was sonst unsichtbar geblieben wäre.

Atelier 22 - Marc Kraskowski
Atelier 22 - Marc Kraskowkski - 1
Atelier 22 - Marc Kraskowski - 3
Atelier 22 - Marc Kraskowski - 2
Atelier 22 - Marc Kraskowski - Excroissance
Atelier 22 - Marc Kraskowski - Excroissance -  Détail
Atelier 22 - Marc Kraskowski - Femmes 2
Atelier 22 - Marc Kraskowski - Femme 1

Unter seinen Händen verwandelt sich Sicherheitsglas in Kaskaden funkelnder Splitter und geschliffener Kieselsteine – je nachdem, ob das Material roh geblieben oder gebrannt worden ist; Keramik wird zu farbenfrohen Bildern oder Werken mit kraftvollen Kontrasten, durchsetzt mit neutralen Farbtönen; schließlich erschafft er plastische Arbeiten aus Ziegeln und Eisen, in denen sich die weibliche Gestik in umhüllender Rundung ausdrückt. Dieses Wechselspiel von Formen, Farben und Texturen findet sich auch in den Arbeiten von Lysiane Lécuyer und Philippe Deverdieu.

​​​Von Stoffen und Kristallen

Die Kleider tragen so poetische Namen wie etwa „Neiges bleues“ – „Blaue Schneeflocken“ –, über dessen funkelnden Oberteil, sich feine Bahnen aus pastellfarbenem, gefrostetem Organza ergießen; „Radouga l’Arc en Ciel“ – „Radouga, der Regenbogen“ –, das den Körper sanft umhüllt und seine zarten Rundungen betont; oder „Bleu de Sèvres“ – „Sèvres-Blau“ –, dessen weiße, braune und blaue Wellen der Schleppe wie schäumend aus dem meerblauen Rock hervorquellen.

Atelier 22 - Lysiane et Philippe
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Quo vadis
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - émeraude
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Radouga l'Arc en Ciel
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Plumes
Atelier 22 - Philippe - Neiges bleues
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Déferlement de vagues

Lysianes bemalte Stoffe wurden zu kunstvollen Kleidern verarbeitet. Man wünschte sich beinahe, sie würden plötzlich zum Leben erwachen und sich in Bewegung setzen. Sie antworten auf die Linien und Farben der neben ihnen ausgestellten Kristallarbeiten von Louis Leloup, greifen die Silhouetten und Farbpalette des großen belgischen Glaskünstlers auf und verbinden purpurfarbene Brauntöne mit Absinthgrün, leuchtendem Orange und prächtigen Blautönen, von denen eine Nuance im Saal im Obergeschoss besonders zur Geltung gebracht wird.

Dort erhebt sich tatsächlich, umgeben von den leuchtenden Werken Charlotte Londiches, ein Kleid in majestätischer Schönheit: ein so tiefes und strahlendes Nachtblau, dass sich der Blick darin verlieren könnte, würde nicht der fließende, transparente Fall des Umhangs dieses hypnotische Spiel unterbrechen. Ein goldener Posamentenverschluss hält ihn dabei in der Schwebe und unterstreicht die Schönheit seiner scheinbaren Schlichtheit. Eine klare Eleganz, eine raffinierte Zurückhaltung, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung „Pont des Arts“ zieht – und dazu einlädt, wiederzukommen.

​​​​Ponts des Arts

Vom 8. August bis zum 20. September 2026

Im Atelier 22 – Neuville-Coppegueule

 

Atelier 22
22 rue Jean Moulin
80430 Neuville-Coppegueule

Lysiane Lécuyer 

Tel.: +33 6 32 06 99 73

Philippe Deverdieu-Fouchard
Tel.: +33 6 99 29 51 13

Mail: philfouchard@gmail.com
 

Internet: www.atelier22art.fr

Facebook: Atelier 22 - Art contemporain

Instagram: Atelier 22 Art Contemporain

Atelier 22 - Lysiane et Philippe - émeraude
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Détail 3
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Nuit profonde - Détail
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Détail
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Détail 2
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Plumes - Détail
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Déferlement de vagues - Bustier
Atelier 22 - Lysiane et Philippe - Déferlement de vagues - Détail

PORTRAIT Nr. 2
 
PASCAL PLOTTIER
WERKE WIE PAREIDOLIEN*

Pascal Plottier
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Pascal Plottiers Atelier betritt man ganz selbstverständlich. Es ist täglich geöffnet, jedoch ohne feste Zeiten, darauf legt er Wert – und „außer, wenn es geschlossen ist“, wie ein schelmischer Hinweis an der Eingangstür verkündet. Doch wie Pascal betont, ist dies ein Atelier, kein Laden: ein Ort des Arbeitens und der Begegnung, an dem der Keramikbildhauer seine Besucher mit unaufdringlicher Herzlichkeit empfängt. Unterstützt wird er von Grisette, seiner Katze, die träge ausgestreckt vor dem Schaufenster liegt, und von der sanften Ledge, einer weißen und honigfarbenen Hündin, die Neuankömmlinge mit ihren goldfarbenen Augen neugierig mustert – sofern sie nicht tief schläft. So ist Pascal in seinem Atelier an den Ufern der Somme, an der Ecke der Rue Ledien und der Rue Pasteur in Abbeville, stets liebevoll umgeben.

Einstieg in die Materie

Heute wirken die Regale des Ateliers ungewohnt leer: Seit zwei Tagen werden mehrere Arbeiten in der Käserei Fromagerie du Parvis nahe der Stiftskirche Saint-Vulfran gezeigt – eine ebenso originelle wie nachahmenswerte Idee. An ihrer Stelle warten neue Stücke darauf, dass der am Morgen angeheizte Ofen die richtige Temperatur erreicht – und dass die feurige Alchemie die volle Leuchtkraft ihrer zu diesem Zeitpunkt noch pastelligen Pigmente freisetzt. Pascal bietet mir einen Kaffee an. Ich trinke ihn aus einem Becher, den er selbst gefertigt hat: ein halbrohes Objekt, angenehm in der Hand, das dem Getränk eine zusätzliche sinnliche Dimension verleiht.

Werke, die Fantasie entfachen

Während der Corona-Pandemie entschied sich Pascal, seine Laufbahn als Grafiker zu beenden. Die Somme, seit rund vierzig Jahren zunächst ein Ankerpunkt, war inzwischen zu seinem Heimathafen geworden. Als Liebhaber der Künste sowie der Kraft und Ästhetik der Typografie beschloss er fortan, sich ganz der Keramik zu widmen, einer Disziplin, die er parallel zu seinem Grafikstudium an der  Parsons School of Design erlernt hatte.

 

Im Atelier arbeitet er bevorzugt mit der Plattentechnik. Das Drehen an der Scheibe, erzählt er mir, behagt ihm nicht: Er mag weder ständig nasse Hände noch den Ton, der sich unter die Fingernägel schiebt. Auch die Wulsttechnik liegt ihm fern – zu wenig im Einklang mit seinem Temperament. Pascal verarbeitet Steinzeugton wie ein abstrakter Maler. Seine Werke wirken auf den Betrachter wie Pareidolien*: Sie lassen den Geist in eine träumerische Schwebe gleiten, wie damals, als wir als Kinder in den Wolken fantastische Gestalten entdeckten. Bei einem früheren Besuch hatte mich etwa ein Uhu angezogen – der eigentlich keiner ist, da er alles sein kann, was man in ihm sieht. Deshalb verzichtet Pascal bewusst auf Titel. Diese Offenheit macht den poetischen, spielerischen Reiz seiner Arbeiten aus.

Von der Strenge des Quadrats zur Sinnlichkeit des Mondes

Das Quadrat nimmt in Pascals Werk einen besonderen Platz ein. Stolz zeigt er mir sein Abschlussstück: eine monumentale Teekanne mit kubischem Körper, einem Ausguss wie ein Dinosaurierhals und einem spitzen Schwanz als Henkel. Einst bildete sie den „Vater“ einer ganzen Familie, von der heute nur dieses Stück geblieben ist. Derzeit jedoch entfernt er sich davon mit seinen Mondblumen, die für eine Ausstellung zum Thema Pflanzenwelt in der Kapelle Saint-Pierre in Saint-Valery entstehen. Diese geschmeidigen „Totems“, ganz aus Rundungen, wirken wie außerirdische, fantastische Wesen. Ihre Formen erinnern an die Kieselsteine der Strände im Süden der Somme und an Leuchttürme, deren Fuß von Wellen umspült wird wie von winzigen Flammen – wachsame, schützende Gestalten, übersät mit Erhebungen und kleinen farbigen Hörnern, Augen und Antennen, denen nichts entgeht.

Aus Ton und Licht

 

In diesem Werk, in dem sich Formen, Farbtöne und Texturen miteinander verbinden und aufeinander reagieren, veredeln die Farben auf subtile Weise rote, schwarze, weiße oder zart helle Erden, die sich von bloßen Trägermaterialien zu zentralen Ausdruckselementen wandeln. Abwechselnd lassen Glasuren und Engoben das Licht erstrahlen oder verschlucken es – und adeln so die schlichte Präsenz des Steinzeugs.


Das Atelier ist ein Ort unerschöpflicher Inspiration, in dem Orange – Pascals Lieblingsfarbe – und Blau dennoch konstante Fixpunkte bilden. Besonders fesselt mich eine schwarze Skulptur aus zwei Teilen: Ihr Sockel erinnert an ein gutmütiges Tier, das unbeirrbar einen glühenden Himmelskörper auf dem Rücken trägt – in ockerroten, fahlen und kupfernen Nuancen, die an eine hypnotische Sonne denken lassen. Dieser leuchtende Kreis, erdacht von Anne Denis aus dem Atelier MillePailles, spielt mit flüchtigen Reflexen und entgleitenden Perspektiven der Strohintarsien. Zwei Goldadern durchziehen ihn,

während rosafarbene Rechtecke ihn halb umrunden, vielleicht die Markierungen eines unvollständigen Zifferblatts. So setzt er die intensive, dunkle Mattheit der Skulptur in Brand, fast so, als trüge das kraftvolle, unbeirrbare Tier den Sieg dieser triumphierenden Sonne über die Zeit.

Ein lebendiges Atelier mit heiterer Atmosphäre

PP - 6 Poissons
PP - 6 c Le nuancier
PP - 6 a poissons
PP - 6 b cabinet de curiosités

Unter all den Objekten, die ich betrachte, fällt mir ein Schaukasten auf, wie man ihn aus entomologischen Sammlungen kennt – nur dass hier kleine Keramikfische anstelle von Insekten präsentiert werden. Vor dem Schaufenster versammelt sich eine weitere Fischgruppe: farbenfrohe, unterschiedliche Exemplare, umringt von Miniaturkrokodilen. Diese kleine Unterwasserwelt ist eine augenzwinkernde Hommage an L’Aquarium, das Café, das hier einst beheimatet war. Pascal treibt dieses Spiel weiter mit einem Objekt im Geist eines Kuriositätenkabinetts, gefüllt mit kleinen Dingen, die an ägyptische Kartuschen – mit mittelalterlisch anmutenden Motiven – oder prähistorische Werkzeuge erinnern. Mit schelmischer Neugier fragt er sich, was Archäologen in einigen Jahrhunderten wohl davon halten werden.


Die Wärme des Ateliers in der Rue Ledien hält den grauen, feuchten Winter auf Abstand. Ich spiele mit einem Farbnuancier aus kleinen, gebrannten Tonscheiben; sie schlagen aneinander und lassen kristalline Töne erklingen. Ich stelle sie mir als bunte Traumfänger vor, so wie ich mir auch das Wandobjekt links vom Schaufenster vorstelle: ein Uhu – oder doch eine Katze? Vielleicht beides zugleich. Und für andere Augen gewiss etwas ganz anderes. Ist der Besuch beendet, verlässt man den Ort leichten Schrittes und mit einem Lächeln – getragen von dieser angenehmen Ungewissheit.

 

 

* Pareidolie bezeichnet das Phänomen, bei dem der Geist vertraute Formen in bestimmten Objekten, Lebewesen, Erscheinungen usw. erkennt, etwa einen Totenkopf in einer Orchidee, ein Tier in einer Wolke oder auch ein Gesicht auf der Oberfläche des Mondes.

Pascal Plottier – Keramikbildhauer
Atelier: 2, rue Ledien
80100 Abbeville


Tel.: +33 6 80 68 70 14
E-Mail: atelier@plottier.fr
Instagram: pascal_plottier

 

 

 

 

 

TÄGLICH GEÖFFNET, OFT GESCHLOSSEN, IMMER EINLADEND!

PORTRAIT Nr. 3

PIPPA DARBYSHIRE - EINE FLÜCHTIGE WELT

Pippa Darbyshire

Seit Ende der 90er Jahre folgt die schottische Malerin Pippa Darbyshire dem Wechselspiel von Licht und Nebel über der Baie de Somme. Begegnung mit einer Künstlerin, bewegt von der Suche nach dem Nothingness, jenem fruchtbaren Verblassen, aus dem das Licht hervorbricht.

Pippa Darbyshire – eine flüchtige Welt

L’Atelier en Baie war der Titel der Ausstellung, die vom Frühling bis zum Sommer 2025 im Kulturzentrum der Abtei von Saint-Riquier gezeigt wurde; dort entdeckte ich Pippa Darbyshires Werke und betrat eine Welt aus Wasser, Luft und Sand, in der sich der Horizont manchmal auflöst, eine Welt, die von den Nebeln der Somme-Bucht erfüllt ist, wo sich Grau-, Blau- und Brauntöne vermischen – flüchtig, manchmal von flüssigem Licht durchhaucht oder von einer Sonne gestreift, die sich hinter einem zarten Schleier verbirgt. Vielleicht, überlegt sie später im Gespräch mit einem schelmischen Lächeln, seien das Lichtblitze der Hoffnung, ein Licht, das aus dem Schwinden von Farbe und Materie entsteht.

 

In Saint-Riquier führten mich Pippa Darbyshires Gemälde unter diffuse Himmel, die sich in Wasserflächen kräuseln, entlang eines Zauns, durch eine verschneite Straße oder unter ein Geflecht von Kiefern. Überall wurde das Ausgelassene, das Nicht-Gemalte zum Erzähler. Anfang Oktober hatte ich das Glück, sie in der alten Schule von Ponthoile zu treffen, zur Eröffnung der Ausstellung Plein Air. Dort beherrschten die Wolken die Szene: eine von ihnen wie ein majestätischer Greifvogel, die Schwingen weit ausgebreitet, als wolle sie sich jeden Moment in die Fluten stürzen; eine andere, eine Art Zyklopenwolke, etwas schmutzig, zugleich massiv und leicht; und dann noch dieses flockige Band, durchzogen vom Hauch eines Lichtstrahls.

 

An diesem Tag lernten wir uns kennen – und verabredeten uns zu einem Besuch in ihrem Atelier in Noyelles-sur-Mer.

Zuhause bei Pippa

Pulco, der Hund von Pippa und ihrem Mann Peter, schlägt an: Er warnt seine Herrin vor der Anwesenheit einer Fremden. Pippa erscheint, beugt sich hinunter, nimmt ihn auf den Arm und öffnet mir die verglaste Tür, um mich hereinzulassen. In einem schwarzen Trainingsanzug, barfuß – sie hat gerade eine Yogastunde beendet, wie sie mir erklärt –, mit hübschem grauem Haar, ordentlich zu einem Bob geschnitten, und einer eckigen schwarzen Brille, die ihre feinen Gesichtszüge betont und unterstreicht, hat Pippa etwas von einem jungen Mädchen, schlank und anmutig.

 

Sie bittet mich, in der Küche Platz zu nehmen, und bietet mir einen Kaffee an. Draußen, entfaltet sich, wie einer Illustration entsprungen, ein Zier- und zugleich Nutzgarten, Peters Werk: ordentlich angelegte Gemüsebeete und Obstbäume, von denen einer – 2025 ist ein Obstjahr – so schwer mit roten Äpfeln beladen ist, dass ein Teil seiner reichen Ernte auf eine Plane fällt, die sorgfältig den Stamm umhüllt. Zur Rechten erstreckt sich eine Weide, auf der träge Blonde-d’Aquitaine-Kühe stehen, von der Oktobersonne eingelullt.

Von der Eingebung zur Hingabe

Die Baie de Somme ist für Pippa eine Liebesgeschichte, eine malerische Liebe auf den ersten Blick, erlebt zu Beginn der 2000er-Jahre. Damals begleitete sie ihre Schwester, die sich in der Somme niederließ und ein Haus suchte. Pippa wohnte an der Küste, in Le Crotoy, wo sie begann, aus dem Fenster ihres Zimmers im Hôtel Les Tourelles zu malen. Ein Vierteljahrhundert später ist sie noch immer verliebt in das, was sie das „Nothingness“ nennt: Eine Auflösung, geboren aus der Begegnung von Meer und Horizont, von Wolken, die sich in den Morgennebeln verlieren, ein Fehlen, schöpferisch, weil es Stille hervorbringt – jene Stille, nach der die Künstlerin strebt.

 

Während diesem samarischen Aufenthalt entdeckte Pippa ein Gebäude: das ehemalige Bahnhofs-Café in Noyelles-sur-Mer. Fasziniert von diesem verlassenen Ort fasste sie bald den Entschluss, es zu erwerben. So kam es, dass sie und Peter kauften, was später das Relais de Baie werden sollte: Ein Teehaus und zugleich Kunstgalerie. In Großbritannien schrieb sich Pippa Anfang der 1990er-Jahren an die Kunstschule ein,  eine Erfahrung, die den Grundstein für ihre spätere Arbeit in Frankreich legte. Damals führte sie ihr eigenes Unternehmen für Wanddekoration und widmete sich zugleich Porträts und Stillleben. Die drei Jahre an der Kunstschule weckten in ihr die Liebe zur Malerei auf der Staffelei.

 

Noyelles wurde zum Wendepunkt. Pippa gab ihre Tätigkeit jenseits des Ärmelkanals auf, während ihr Mann – bereits erfahren im Bauwesen – das alte Gebäude sanierte und ihm neues Leben einhauchte. Gemeinsam stürzten sie sich in ein Abenteuer, das fast zwanzig Jahre dauern sollte. Peter übernahm die alltägliche Organisation und schenkte Pippa damit die Freiheit, nach ihrem eigenen Rhythmus zu malen. Um Teehaus und Malerei miteinander zu verbinden, gewöhnte sie sich daran, im Morgengrauen stets denselben Ort aufzusuchen, die Tourelles, ein fester Punkt in einer Welt aus Wasser und Licht, die sich unaufhörlich verändert, Sekunde um Sekunde, Tag für Tag.

 

Dann kam der Moment, in dem sie beschloss, sich ganz ihrer Kunst zu widmen – um, wie sie sagt, voranzukommen, jedes Mal ein Stück besser zu werden. Doch sie räumt ein, dass dies eine Illusion sei: Je weiter man fortschreite, desto größer werde die Gefahr, wieder zurückzufallen. Es sei vielmehr eine Entwicklung, eine Öffnung hin zu neuer Inspiration, zu neuen Blickwinkeln.


Sie hat zu ihren Werken keine sentimentale Bindung; sie kann sich leicht von ihnen trennen. Um der Versuchung zu widerstehen alle zu verkaufen, schenkt sie manche ihren Kindern. Denn für sie müssen Malen und Zeichnen eine Bestimmung, ein Ziel haben. Sie möchte ihre Arbeit mit anderen teilen. Vielleicht, sagt sie, sei sie deshalb eine Performerin, die zeigen müsse, was sie erschaffe.

 

Ich frage sie, ob sie den Bois de Cise kennt, seine Kreidefelsen und Belle-Époque-Villen, verstreut zwischen den Pinien, ein Ort, der sicher herrliche Motive böte. Ja, der Ort sei wunderschön, entgegnet sie, doch ihre Treue sei exklusiv, beständig – eine monogame Beziehung, die mit der Zeit tiefer und reicher werde: zwei Farben nur, in gedämpften Nuancen von Blau und Grau, die sie schon in ihren Stillleben liebte, und eine Landschaft – immer dieselbe und doch immer anders, ewig und unendlich.

 

Zur Zeit des Relais de Baie konnte Pippa Noyelles kaum verlassen; sie musste rechtzeitig zurückkehren, um das Café zu öffnen – eine Notwendigkeit, die allmählich zu einem Ritual wurde. Und während sie spricht, spürt man vielleicht auch eine leidenschaftliche Bindung an diesen kleinen Umkreis von wenigen Kilometern, dessen Unendlichkeit sie immer wieder neu erforscht.

Le Crotoy, hôtel-restaurant Les Tourelles

Ein endloser Horizont  – Ultramarine (vom 6. Mai bis zum 15. September 2026, im Hotel Les Tourelles, Le Crotoy)

Eine Rückkehr zu den Anfängen? Gewiss. Ein geschlossener Kreis? Wohl kaum –  das wäre allzu endgültig. Vielmehr ein neuer Übergang, ein Aufbruch zu neuen Inspirationen an diesem Ort, den die Künstlerin als den Ort bezeichnet, den sie auf der ganzen Welt am meisten liebt. Ende der 1990er-Jahre entdeckte sie vom Fenster ihres Hotelzimmers im Hotel Les Tourelles aus das faszinierende Spiel von Sand und Wasser, das sich in der Ferne verliert – mal vom Geheimnis des Nebels verschleiert, mal von einem scheuen Licht angedeutet oder im Aufreißen der Wolken durch die Sonne offenbart. Seither hat sie nie aufgehört, die unendlichen Facetten dieses Schauspiels in ihren Gemälden festzuhalten.

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Pippa Darbyshire
Kunstmalerin

Tel.: +33 670930600

Mail: pippa@pippadarbyshire.com

Web: pippadarbyshire.com

Instagram: pippadarbyshire
Blurb: Pippa Darbyshire (Kataloge)

PORTRAIT Nr. 4

 

DER HENSON

Ein Pferd aus der Somme mit nordischen Wurzeln

Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Somme hören? An regionale Spezialitäten wie die Ficelle Picarde oder an die Macarons aus Amiens? An berühmte Sehenswürdigkeiten wie die Kathedrale von Amiens oder den Vogelpark Marquenterre? Vielleicht kommen Ihnen auch Persönlichkeiten wie ules Verne in den Sinn, der die Somme zu seiner Wahlheimat machte. Wussten Sie jedoch, dass in den 1970er-Jahren auf diesem Land aus Sand und Wasser der Grundstein für eine neue Pferderasse gelegt wurde? So wurde ein kleines, kerniges, vielseitiges Pferd geboren, das sich bis heute stetig weiterentwickelt hat. Seit 2003 ist der Henson als eigenständige Pferderasse offiziell anerkannt. Heute lebt er in den weiten Landschaften der Somme-Bucht, deren empfindliche Natur er gemeinsam mit Highland-Rindern durch natürliche Beweidung erhält.

Die Legende

Eines Tages ließ Gott seinen Blick über die Somme-Bucht schweifen. Vielleicht dachte er bei sich, dass ihre Schönheit bewahrt werden müsse, indem er ihr eine Gestalt verlieh. So hob er eine Handvoll hellen Sandes auf und blies darauf. Der Sand wirbelte empor und formte ein Pferd, dessen goldenes Fell im Sonnenlicht schimmerte wie die Strände der Bucht, während seine schwarz-goldene Mähne an das Glitzern der Wellen erinnerte. Zufrieden strich Gott schließlich mit dem Finger über den Rücken des Tieres – vom Mähnenansatz bis zum Schweif – und hinterließ als Signatur den charakteristischen schwarzen Aalstrich. So verband er die Farben der Somme-Bucht für immer mit diesem stolzen Pferd: dem Henson.

Der Henson

Die Geschichte

Hat Gott Bernard Bizet inspiriert? Wie dem auch sei – am Anfang stand ein Mann, der nach einer Reise nach Skandinavien Fjordpferde in die Somme-Bucht brachte, um sie dort zu züchten. Damals steckte der Naturtourismus noch in den Kinderschuhen. Anfang der 1970er-Jahre entstand bei ihm die Idee, ein robustes, vielseitiges Reitpferd zu schaffen, das das ganze Jahr über im Freien leben konnte. Es sollte außerdem ein ausgeglichenes Wesen besitzen, damit es sowohl für Kinder als auch für wenig erfahrene Reiter geeignet wäre.

Die ersten Kreuzungen verbanden Fjordpferde mit Anglo-Arabern. Bernard Bizet hatte allerdings nie die Absicht, eine eigene Pferderasse zu begründen. Lionel Berquin, der damals saisonal als Reitführer für Bernard Bizet tätig war, beschloss jedoch, in diese Richtung zu experimentieren. Zusammen mit seinem Bruder und einigen Freunden gründete dieser leidenschaftliche Pferdemann den Verein der Reiter der Somme-Bucht. Ihr kühnes Ziel bestand darin, aus diesem kleinen Pferd – das erst 1986 den Namen Henson erhielt – eine eigenständige Rasse zu machen.

Ein langer Weg lag vor ihnen. Doch ihre Ausdauer wurde schließlich belohnt. Übrigens wird Henson „Ännson“ ausgesprochen, also nicht typisch französisch. Bis zur offiziellen Anerkennung der Rasse vergingen dennoch weitere Jahre: Erst am 10. Juli 2003 wurden drei Jahrzehnte engagierter Zuchtarbeit gekrönt, als das vielseitige Pferd offiziell als 44. französische Pferderasse anerkannt wurde.

Ich wollte mehr über dieses Pferd erfahren, das heute zu den Wahrzeichen der Somme-Bucht gehört. Deshalb verabredete ich mich mit Stéphanie Roussel, der Leiterin der Henson-Reitanlage in Saint-Quentin-en-Tourmont.

Der Henson

Der Henson

Espace Équestre Henson - Saint-Quentin-en-Tourmont

Der Henson

Der Henson

Espace Équestre Henson - Saint-Quentin-en-Tourmont

Der Henson

Der Henson

Espace Équestre Henson - Saint-Quentin-en-Tourmont

Eine Lodge mit skandinavischem Flair

Die Henson-Reitanlage liegt etwas versteckt, umgeben von Feldern und Bäumen, abseits des Dorfes. Als ich ankomme, steht eine Gruppe von Frauen und Männern in der Reitbahn um ein Pferd versammelt – eine Equicoaching-Einheit ist gerade im Gange. Abgesehen von ihnen ist niemand zu sehen. Die Morgensonne trocknet den Tau eines noch kühlen Frühlingstages. Ich atme die frische Luft tief ein und gehe auf eine imposante Holzlodge zu. Der dekorative Giebel und die roten Fensterrahmen verleihen ihr einen skandinavischen Charakter – vielleicht eine Anspielung auf die norwegischen Wurzeln des Hensons.

Drinnen stelle ich mich drei jungen Männern vor, die sich am Empfang unterhalten. Bevor sie gehen, sagen sie mir, dass Stéphanie jeden Augenblick eintreffen müsste. So bleibe ich allein zurück – nur eine schwarze Katze räkelt sich auf einer Bank mit Kissen aus grobem Jutestoff. Diese schlichte, natürliche Ästhetik setzt sich in der gesamten Einrichtung fort und verbindet liebevoll restaurierte Möbel mit dem behaglichen Charme vergangener Zeiten. Sonnenlicht durchflutet das Clubhaus und lässt das bernsteinfarbene Holz der Wände, die mit Pferdefotografien geschmückt sind, warm aufleuchten. Gerade als ich mich in einen der Sessel am frei hängenden Kamin setzen will, kommt Stéphanie lächelnd aus der Sattelkammer. Sie bietet mir einen Kaffee an – eine willkommene Stärkung an diesem frischen Morgen.

 

Ein Beruf aus Leidenschaft

Schon seit ihrer Kindheit ist Stéphanie eine begeisterte Reiterin. Sie stammt aus dem kleinen Küstenort Le Crotoy, der nur etwa zehn Kilometer von Saint-Quentin-en-Tourmont entfernt liegt. Eigentlich hatte sie nie geplant, ihre Leidenschaft für Pferde zum Beruf zu machen. Im Jahr 2010 schloss sie ihr Studium im Management und Rechnungswesen ab. Damals erfuhr sie durch eine Freundin, dass das Espace Henson eine Sekretärin mit Buchhaltungskenntnissen suchte. Betrachtet man ihr zufriedenes Lächeln, scheint sie ihre damalige Entscheidung keine Sekunde bereut zu haben.

Inzwischen hat sich ihr Aufgabenbereich jedoch grundlegend verändert: Heute leitet sie die Einrichtung. Sie erklärt mir, dass zwar jeder Mitarbeiter sein eigenes Fachgebiet hat, zugleich aber alle vielseitig einsetzbar sind. Und alle reiten. „Wer bei seiner Ankunft noch kein Reiter ist, wird früher oder später einer“, sagt sie lachend.

Obwohl das Unternehmen einer Gruppe von Freunden gehört, haben diese die Leitung des Betriebs inzwischen in die Hände der Angestellten gelegt. Die Gesellschafter geben Impulse, beraten das Team und bringen ihre Vorstellungen für die Weiterentwicklung des Unternehmens ein. Einige der Gründer sind bis heute beteiligt, darunter der Tierarzt Michel Trencart und sein Bruder Philippe, Dominique Cocquet, der früher die Espaces équestres Henson leitete, sowie Marc Berquin, der Bruder von Lionel. Lionel Berquin hat seine Anteile inzwischen verkauft und in Saint-Firmin den kleinen Verein Les Centaures de la Baie de Somme (die Zentauren der Somme-Bucht) gegründet.
 

Stéphanie Roussel

Stephanie Roussel

Von Port-le-Grand zur nationalen Anerkennung

1979 führten diese Pferdebegeisterten das von Bernard Bizet in Ponthoile begonnene Projekt fort – mit dem Ziel, eine eigenständige Pferderasse zu schaffen. In Port-le-Grand gründeten sie die Association des Cavaliers de la Baie de Somme (Verein der Reiter der Somme-Bucht). Drei Jahre später, 1982, wurden mit Quelea de Henson und Queenee de Henson die ersten Fohlen der zweiten Generation geboren.

Das Jahr 1982 markierte zugleich einen entscheidenden Wendepunkt. Neben den französischen Staatsgestüten (Haras nationaux) unterstützte nun auch das SMACOPI (Zweckverband für die Entwicklung der picardischen Küste), das damals unter der Leitung von Dominique Cocquet stand, das Vorhaben. Daraus ging die Association du Cheval Henson (Verein zur Förderung des Henson-Pferdes) hervor.

Um die Somme-Bucht zu schützen und den zunehmenden Tourismus in geordnete Bahnen zu lenken, genehmigte das SMACOPI der Association des Cavaliers de la Baie de Somme und der Association du Cheval Henson, ihre Zuchtstätte auf der Domaine du Marquenterre anzusiedeln. Die Brüder Berquin verließen daraufhin Port-le-Grand und ließen sich dort nieder. Dort erhielten sie das Nutzungsrecht für das Naturschutzgebiet, das ihnen den Zugang zum Strand ermöglichte. Für Dominique Cocquet bestand die Herausforderung darin, „die Natur zur Geltung zu bringen … und gleichzeitig Besucher willkommen zu heißen“.

Natürliches Reiten

Die Pioniere des Henson-Pferdes brachten eine besondere Sattelart mit, die bis heute in den Espaces équestres Henson verwendet wird. Es war ein glücklicher Zufall, dass sie in Port-le-Grand britische Militärsättel aus dem Ersten Weltkrieg fanden. Von deren Qualität überzeugt, ließen sie die Sättel aufarbeiten und modernisieren. Heute werden diese Modelle in Indien gefertigt. Der derzeit verwendete Sattel mit beweglich aufgehängtem Sattelbaum wurde entwickelt, um den Rücken der Pferde bei langen Ausritten zu schonen. Außerdem bietet seine tiefe Sitzfläche gerade Anfängern einen sicheren Halt im Sattel.

Henson
Henson
Henson
Henson
Henson
Henson

In Saint-Quentin-en-Tourmont wird zudem ohne Gebiss geritten. Die Pferde tragen einen sogenannten Hack-Henson, eine aus nautischem Tauwerk gefertigte Zäumung, die wesentlich salzwasserbeständiger ist als Leder und sich besonders gut für das Reiten im Freien eignet. Sie ermöglicht es unter anderem, mit den Pferden zu schwimmen. Diese Zäumung übt Druck auf den Nasenrücken und nicht auf das Maul des Pferdes. So kann das Pferd nach Belieben trinken und grasen, während es zugleich vor manchmal unbeholfenen Einwirkungen unerfahrener Reiter am Gebiss geschützt wird.

Das ganzjährig im Freien lebende Henson-Pferd ist ein vielseitiges, trittsicheres und ausdauerndes Reitpferd, das sich hervorragend eignet, um die Natur zu entdecken. Da es an das Leben im Freien gewöhnt ist, zeigt es wenig Scheu – ein großer Vorteil für Reitanfänger. Saint-Quentin-en-Tourmont heißt sowohl Anfänger als auch erfahrene Reiter willkommen. Angeboten werden Ausritte unterschiedlichster Art, von der einfachen Tour bis hin zu mehrtägigen Wanderritten mit Biwak – mit dem besonderen Privileg, durch wilde Landschaften zu reiten, die für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind.

 

Ein Leben im Freien

Jedes Jahr kommen etwa dreißig bis vierzig Fohlen um den April herum zur Welt. Bis sie im Alter von etwa sechs Monaten von den Müttern abgesetzt werden, leben sie gemeinsam mit ihnen auf den 500 Hektar Weiden und Feuchtwiesen rund um das Gestüt von Rue.

Zu Beginn des Frühlings, nach dem Überwintern auf sandigen Weiden – wo die Pferde mit Gerste und Heu aus eigener Erzeugung gefüttert wurden –, werden sie auf die Weiden des Vogelparks Marquenterre gebracht. Dort tragen sie zur Pflege der Landschaft bei. Allerdings muss erst gewartet werden, bis das Gras hoch genug gewachsen ist: Hier gibt die Natur den Rhythmus vor. Es gibt keinen festen Termin für den Umzug auf die Sommerweiden, der sich ab Mitte April über etwa zwei Wochen erstreckt.

Der Herbst markiert einen der Höhepunkte des Pferdejahres in der Somme-Bucht: die Transhenson, den großen Weidewechsel der Henson-Pferde zu ihren Winterquartieren. Mehr als nur eine jahreszeitliche Wanderung ist sie ein großes Fest, das gegen Ende Oktober stattfindet. Zu diesem Anlass holen über 200 Reiter und etwa ein Dutzend Gespanne die Zuchtstuten mit ihren Fohlen sowie weitere Zuchtpferde ab.

Dieser eindrucksvolle Ritt entlang der glitzernden Weiten des Ärmelkanals und der Dünenzüge zieht jedes Jahr zahlreiche Zuschauer an, die die Pferde zu Fuß auf einem parallel verlaufenden Weg begleiten. Sobald die Henson-Pferde am Standort Saint-Quentin-en-Tourmont angekommen sind, geht das Fest mit Reitvorführungen, Workshops zur Tier- und Pflanzenwelt der Somme-Bucht, einem Markt regionaler Erzeuger und verschiedenen Darbietungen weiter. Den Abschluss bildet das traditionelle Muschel-Pommes-frites-Essen zugunsten der sozialen Einrichtungen der Gemeinde.

Gut zu wissen

Bei ihrer Rückkehr nach Saint-Quentin-en-Tourmont erhalten die etwa sechs Monate alten Fohlen ihre ersten Lektionen. Sie leben in einer Gruppe zusammen mit einer älteren Stute. Dieses Jahr war diese „Herden-Oma“ stolze 30 Jahre alt. Erst viel später, im Alter von drei Jahren, beginnt das behutsame Anreiten. Es erfolgt nach dem Prinzip „Pferd lernt vom Pferd“: Über ein Halfter mit einem erfahrenen Henson-Pferd verbunden – dem „Lehrmeister“ – und unter der Aufsicht eines Reiters. Dabei lernt das Jungpferd, seinem älteren Artgenossen zu folgen und die Nähe von Menschen und anderen Pferden zu akzeptieren. Nach einer Phase der Gewöhnung an verschiedene Reize wird es schließlich erstmalig geritten. Damit beginnt das Erlernen der Hilfen: Hand, Schenkel und Sitz.

Die Transhenson von ihrem Gründer erzählt

In einem Interview mit WhereSomme erklärte Dominique Cocquet im Jahr 2025, dass er ganz am Anfang die Idee gehabt habe, daraus einen schönen Ausritt zu machen – für Reiter ebenso wie für Pferde –, zumal dieser Weidewechsel den Beginn der Entwöhnung Anfang November ankündigt. Er habe sich damals gedacht, dass sich vielleicht einige Fohlen in den Kiefernwald verirren würden, man aber viel Spaß daran haben könnte, sie dort wieder einzufangen.

Im Laufe der Jahre wurden die Besitzer von Henson-Pferden eingeladen, diese große Pferdewanderung gemeinsam mit dem gesamten Team des Espace Équestre zu begleiten, das an diesem Tag ohnehin bereits im Einsatz war. So entwickelte sich die Veranstaltung Schritt für Schritt weiter und gewann immer mehr an Bedeutung, ohne jedoch jemals ihre Authentizität zu verlieren. Dazu trug auch Dominique Cocquets Entscheidung bei, konsequent auf Sponsoring zu verzichten, um den geselligen Geist dieses Ereignis zu bewahren, das durch das Engagement zahlreicher freiwilliger Helfer möglich wird. Heute ziehen die Reiter auch durch das Dorf Saint-Quentin-en-Tourmont, was die Transhenson zu einem „gemeinschaftlichen und kulturellen Fest“ macht, ganz im Zeichen des Miteinanders und der Lebensfreude.

Wenn man Dominique Cocquet zuhört, vergisst man beinahe, dass unsere moderne Zeit den Menschen manchmal über alles andere zu stellen scheint. Die Worte, die er findet, um die entfesselten Elemente während einiger seltener Ausgaben der Transhenson zu beschreiben, führen uns zurück zu dem Platz, den der Mensch inmitten der Natur einnimmt – in der Somme, an der Seite eines kleinen Pferdes, das mit ihr eins zu sein scheint.

* WhereSomme
Die Transhenson – eine Verbindung zwischen Mensch und Natur (auf Französisch)
 

Wo kann man in der Somme-Bucht und anderswo auf Hensonpferden reiten?

Derzeit gibt es sieben Henson-Reitanlagen: Marquenterre, Fort-Mahon, Berck, Le Touquet, Chantilly, Fontainebleau und Compiègne. Jedes von ihnen ermöglicht es, außergewöhnliche Landschaften und Orte zu entdecken.

 

Alle Informationen finden Sie unter:
https://www.henson.fr/

Espace équestre henson Marquenterre
34 chemin des Garennes
80120 Saint-Quentin-en-Tourmont

Kontakt:
Informationen und Reservierungen

Tel.: +33 (0)3 22 25 68 64

Anfahrt:
Autobahn A16 – Ausfahrt Nr. 24.
Folgen Sie fast bis zum Ende der Beschilderung zum Vogelpark Marquenterre. Fahren Sie anschließend noch 600 Meter weiter.

PORTRAIT Nr. 5

 

JULES VERNES

Zwischen Fernweh und Heimathafen: Auf Jules Vernes Spuren durch die Somme

Sein Name weckt Bilder von Tiefseeabenteuern, fantastischen Reisen und fernen Welten – und ging Jules Verne endgültig in Amiens vor Anker. Rückschau auf die Stationen eines außergewöhnlichen literarischen und familiären Lebens zwischen Nantes, Paris, Le Crotoy und Amiens. Die Lebensreise eines außergewöhnlichen Autors, eines engagierten Bürgers – und eines Mannes, der zum Mythos wurde.

 

Von Nantes nach Paris: Die Geburt eines visionären Schriftstellers

Während Guerlain mit Le Crotoy in Verbindung gebracht wird, ist Jules Verne (1828-1905) eng mit Amiens verbunden. Obwohl er aus Nantes stammte, verbrachte er 34 Jahre seines Lebens in Amiens. Er hielt sich auch regelmäßig an der Küste in Le Crotoy auf, wo er sich ab 1865 verweilte, bevor er sich 1869 in einer gemieteten Villa namens La Solitude niederließ. Im selben Jahr kaufte er sein erstes Boot, die Saint Michel. Später erwarb er 1877 die Saint Michel II und ließ sich schließlich die Saint Michel III bauen, mit der er vor den Küsten Spaniens, Portugals und Nordafrikas segelte. Im Jahr 1878 zwangen ihn Geldsorgen dazu, die prächtige Segel- und Dampfyacht zu verkaufen. Le Crotoy inspirierte ihn zu Werken wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer.

Jules Verne
Tombe de Jules Verne, cimetière de la Madeleine, Amiens

Doch kehren wir zu den Anfängen zurück. Jules Verne zieht von Nantes nach Paris, wo er 1850 sein Jurastudium abschließt. Während des Studiums schreibt er bereits und seine Einführung in die literarischen Salons durch seinen Onkel Chateaubourg treibt ihn noch mehr zum Schreiben an, was seine Rückkehr nach Nantes, um die Nachfolge seines Vaters als Anwalt anzutreten, endgültig gefährdet.

 

​Eine Heirat und eine Patchworkfamilie – ein Leben zwischen Börse und Literatur

1856 besucht er die Hochzeit seines Freundes Auguste Lelarge mit Aymée de Viane.  Dort lernt er Honorine, die Schwester der Braut, kennen, die er ein Jahr später heiraten wird. Honorine du Fraysne de Viane (1830-1910) ist 26 Jahre alt. Verwitwet ist sie bereits Mutter von zwei kleinen Töchtern, Louise Valentine, 1852 geboren, und Suzanne Eugénie Aimée, 1853 geboren. Später, im Jahr 1861, wird ihr einziger gemeinsamer Sohn Michel geboren. Die Familie lebt in Paris, wo Jules als Börsenmakler arbeitet, um seine Familie zu ernähren, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine literarische Karriere fortzusetzen, die nach seiner Begegnung mit dem Verleger Pierre-Jules-Hetzel im Jahr 1861 Fahrt aufnimmt.

Amiens, der Heimathafen eines engagierten Bürgers und vollendeten Schriftstellers

Nach Paris und einigen Jahren in Le Crotoy drängt Honorine Jules, sich in Amiens niederzulassen, von dem er sagt, es sei "eine anständige, zivilisierte, gleichmütige Stadt, deren Gesellschaft herzlich und gebildet ist. Man ist in der Nähe von Paris, nahe genug, um ein Abglanz davon zu haben, ohne den unerträglichen Lärm und die sterile Unruhe. Und um ehrlich zu sein, bleibt meine Saint-Michel in Le Crotoy vor Anker." Allerdings zieht er erst 1882 in die Rue Charles Dubois 2, wo er bis 1900 wohnt. Das Jules-Verne-Haus, das heute ein

Museum ist, führt uns auf den Spuren eines der größten französischen Autoren und lässt uns das Getöse des 21. Jahrhunderts vergessen.

Jules Vernes beteiligt sich auch am politischen Leben; er wird Stadtrat. Er unterstützt unter anderem den Bau des Cirque Municipal im Jahr 1889, 2003 nach einjährigen Renovierungsarbeiten im Cirque Jules Verne umbenannt, dessen Fassade ab 2016 restauriert wird. Auch wenn er nicht besichtigt werden kann, lohnt es sich, diese Veranstaltungsstätte an der Place Longueville von außen zu bewundern, zumal er nur etwa zehn Minuten zu Fuß vom Jules-Verne-Haus entfernt ist.

Das Vermächtnis eines Unsterblichen

Jules Verne leidet an Diabetes und stirbt am 17. März 1905 in der Wohnung am Boulevard de Longueville 44 (dem heutigen Boulevard Jules Verne), die ihm seit 1873 gehörte und in die er 1900 bezieht. Er wird auf dem Friedhof Cimetière de la Madeleine (480 rue Saint-Maurice) beigesetzt. Das Grabmal von Jules Verne ist ein Werk des Bildhauers Albert Roze aus Amiens, der unter anderem die Marie Sans Chemise (Marie ohne Hemd) schuf, die der Dewailly-Uhr (9-11 rue des Sergents) in der Nähe der Kathedrale hinzugefügt wurde, und trägt den Titel

Cirque Jules Verne, Amiens
Maison Jules Verne, Amiens

Vers l'Immortalité et l'Éternelle Jeunesse(In Richtung Unsterblichkeit und ewige Jugend). Es erinnert an die Auferstehung und zeigt den Schriftsteller, wie er mit entblößtem Oberkörper und erhobenem Arm dem Grab entspringt, wobei sein Kopf und sein Blick gen Himmel gerichtet sind. 

PORTRAIT Nr. 6
 

GUERLAIN UND LE CROTOY

Guerlain und Le Crotoy
La plage au Crotoy/Der Strand in Le Crotoy

 

Wenn der Name Guerlain den Glanz der sinnlichen Pariser Luxuswelt wachruft, so beginnt die Geschichte des Mannes, der ihn weltberühmt machte, in der zauberhaften Baie de Somme. Hinter den legendären Duftnoten von Shalimar, Jicky, Mitsouko oder L’Heure Bleue verbirgt sich ein kaum bekanntes Kapitel: jenes von Pierre-François-Pascal Guerlain, geboren in Abbeville und innig verbunden mit Le Crotoy – einem Ort, an dem er eine Spur hinterließ, so persönlich und einzigartig wie seine Kreationen.

 

Die Wiege einer Legende: Guerlain – von Abbeville bis in die Pariser Salons

Pierre-François-Pascal Guerlain (1798–1864) wuchs in Abbeville auf, bis er mit 19 Jahren nach Paris aufbrach, um dort sein Glück zu machen. Später trug er wesentlich zur Bekanntheit des Badeorts Le Crotoy bei – eines Ortes, den später Persönlichkeiten wie Jules Verne, Colette, Henri de Toulouse-Lautrec, Georges Seurat und Alfred Manessier schätzten.

 

Le Crotoy – ein maritimes Kleinod und ein nie vollendetes Prestigeprojekt

In Le Crotoy erwarb er zahlreiche Grundstücke, ließ eine Villa bauen und errichten und gründete 1860 das Grand Hotel, dessen letzten Überreste in den 1970er Jahren verschwanden. Mit dem Bau verfolgte er das Ziel, Kaiserin Eugénie – deren Hoflieferant er war – als prominenten Gast zu empfangen.  Doch sie kam nie. Dennoch entwickelte sich Le Crotoy zu einem beliebten Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler wie Jules Verne, Colette, Henri de Toulouse-Lautrec, Georges Seurat oder Alfred Manessier an. 

 

L’Heure bleue, die blaue Stunde: Villa und lebendige Erinnerung

Von Pierre Guerlain ist in Le Crotoy nur die Erinnerung geblieben. Seine Villa, L’Heure Bleue (die blaue Stunde), heute in Privatbesitz, ist jedoch erhalten geblieben. Sie erhebt sich kraftvoll gegenüber der Bucht, wie ein weißes Schiff, bereit, den Anker zu lichten, als stünde die Zeit still wie in jenem Moment, wenn der Tag noch zögert in die Nacht zu übergehen. Zudem erinnert eine Straße, die seinen Namen trägt, an ihn. Sie liegt unweit der Rue de l’Impératrice, benannt nach der Ehefrau Napoleons III.

 

Wer mehr über die Guerlain-Dynastie erfahren möchte, kann Le roman des Guerlain - Die Guerlain-Dynastie – Parfumeurs de Paris von Élisabeth Feydeau bei Flammarion (auf Französisch).

L'Heure bleue
Rue de l'Impératrice
L'Heure bleue

PORTRAIT Nr. 7
 

DIE MALER DER SOMMEBUCHT

Die Maler der Sommebucht

Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Entstehung des Tourismus und der Mode der ersten Seebäder, wurde die Baie de Somme, die Sommebucht, weit mehr als nur eine natürliche Kulisse. Sie zog nun Maler an, die das flüchtige Licht und die reiche, sich ständig wandelnde Farbpalette einfangen wollten. Von Boudin über Manessier bis hin zu Seurat oder Degas – die Region verzauberte renommierte Künstler, die von ihrer wilden Schönheit und ihrem einzigartigen Licht fasziniert waren.

Eugène Boudin – Der König der Himmel, verliebt in Saint-Valery
Eugène Boudin (1824–1898), über den Monet sagte: „Dass ich Maler geworden bin, verdanke ich Boudin“, weil er ihm „das Sehen und das Verstehen“ gelehrt hatte. Dieser in Honfleur geborene Künstler malte viel an der Küste, insbesondere in Saint-Valery-sur-Somme, wo er 1891 verweilte und rund sechzig Bilder schuf.

Georges Seurat und Toulouse-Lautrec – Le Crotoy als Inspiration
1889 wählte Georges Seurat (1859–1891) das Fischerdorf Le Crotoy als Ort, um die Bucht der Somme zu malen. Gegenüber von Saint-Valery gelegen, besitzt es als einziger Strand der Somme eine Südausrichtung. Dort traf sich Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901) regelmäßig mit Maurice Joyant (1864–1930), seinem ehemaligen Mitschüler vom Lycée Fontanes in Mülhausen, der später auch sein Biograph wurde und von Lautrec in einem Porträt verewigt wurde: in gelbem Ölzeug, auf einem Fischerboot, mit Gewehr in der Hand auf Kormoranjagd.

Braquaval und Degas – Eine künstlerische Freundschaft an der Somme
Erwähnt sei auch Louis Braquaval (1854–1919), der sicch in Saint-Valery-sur-Somme niedergelassen hatte. Sein Haus wurde zum Treffpunkt zahlreicher Maler wurde – darunter auch Edgar Degas (1834–1917), den er 1896 kennenlernte und der dort mehrfach verweilte.

Alfred Manessier – ein samarscher Maler und Meister der Glasmalerei
Nicht zu vergessen ist Alfred Manessier (1911–1993), ein Kind der Region, geboren in Saint-Ouen, nahe Flixecourt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er zwischen den Mooren seines Heimatdorfes, Amiens und, vor allem, Le Crotoy, wo die Familie ihre Urlaube verbrachte und wo er mit dreizehn sein erstes Aquarell malte. Nach der Kunsthochschule in Amiens und Paris – und trotz der Jahre in der Hauptstadt, der Reisen, des Krieges und seines Übergangs vom Figurativen zur Abstraktion und zur Gestaltung von Glasfenstern, wie etwa in der Kirche Saint-Sépulcre in Abbeville (Place du Saint-Sépulcre), – blieb er stets den Landschaften des Nordens treu, die er in Werken wie Flut in der Bucht der Somme oder Hafen von Le Crotoy im Morgengrauen verewigte.

 

Die Bucht der Somme ist bis heute eine lebendige Quelle der Inspiration.

Kleine Linkauswahl zum Endecken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler:

PORTRAIT Nr. 8
ROSE BERTIN: IKONE DER MODE

Rose Bertin
Rose Bertin
Rose Bertin -Robes de la vierge à l'enfant-Kleider der Jungfrau mit Kind Montflières
Rose Bertin, légendaire créatrice de mode. Rose Bertin, eine Modelegende
Rose Bertin, entrée de la chapelle du carmel. Eingang der Karmelkapelle.
Rose Bertin au Carmel d'Abbeville
Rose Bertin - Robes de la vierge à l'enfant-Kleider der Jungfrau mit Kind Montflières

Rose Bertin, Modeschöpferin der Königin

 

Fast wie in einem Märchen, führt uns die Lebensgeschichte von Rose Bertin vom Schatten eines Pariser Ateliers in das Licht der Salons von Versailles. Geboren in Abbeville in bescheidenen Verhältnissen wurde sie zur Muse einer Königin und zur Pionierin der Haute Couture, ein Schicksal weit größer als das einer einfachen Modistin – so außergewöhnlich wie ihre Freundschaft mit Königin Marie-Antoinette, die sie mit der Anfertigung zweier Kleider aus goldenem Tuch beauftragte – eine Opfergabe an eine wundertätige Jungfrau.

 

 

Bescheidene Anfänge und ein ehrgeiziger Traum

Rose Bertin, die auf den Namen Marie-Jeanne getauft wurde, wurde 1747 geboren. Sie war das sechste Kind eines Kavalleristen der Gendarmerie von Abbeville und einer Krankenpflegerin. Zweifellos hatten Feen an ihrer Wiege gestanden und sie gesegnet, damit sie eine ebenso talentierte wie ehrgeizige Frau würde. Im Alter von 16 Jahren schickten ihre Eltern sie nach Paris, wo sie hoffte, ihr Glück zu machen. Ihre Zuversicht gründete auf der Prophezeiung einer Wahrsagerin, die ihr im Alter von neun Jahren vorausgesagt hatte, dass sie ein großes Vermögen am Hof machen würde. In der Hauptstadt bekam sie eine Anstellung im Trait Galant, bei Mademoiselle Forgel, einer Modehändlerin.

 

Eine verheißungsvolle Begegnung

Jedoch vergingen die Jahre, ohne dass sich die Prophezeiung erfüllte. Bis zu dem Tag, an dem dieses Modehaus, das von den berühmten Persönlichkeiten der damaligen Zeit frequentiert wurde, den Auftrag erhielt, zwei Brautkleider an die Prinzessin von Conti zu liefern. Rose wurde mit der Lieferung betraut. Eine ältere Dame empfing sie und bat darum, die Kleider zu sehen. Rose kam der Bitte nach, ohne recht zu verstehen, warum diese „alte Frau“ – letztlich wohl nur eine Zofe, „ohne besonderes Auftreten“ – eine solche Forderung stellte. Die Kleider waren schließlich für die unehelichen Töchter des verstorbenen Grafen von Charolais und seiner Mätresse Madame de la Saune bestimmt. Was Rose nicht wusste: Der Graf war der Onkel und Vormund des Prinzen von Conti gewesen, der die Legitimierung seiner Cousinen beantragt hatte und die Prinzessin Witwe, seine Schwiegermutter, gebeten hatte, deren Hochzeiten auszurichten.

 

Nachdem die alte Frau die Kleider mit Zufriedenheit begutachtet hatte, lud sie Rose ein, sich zu ihr ans Feuer zu setzen und sich aufzuwärmen; es war Winter, und die Kälte war streng. Als sie die Kleider ausreichend bewundert hatte, wollte sie wissen, ob Rose die zukünftigen Bräute kenne, deren Mutter sich beim Trait Galant einkleiden ließ – es war nicht der Fall. Sie stellte ihr außerdem noch allerlei Fragen und brachte ihr viel Sympathie entgegen.

 

Rose fühlte sich von den Freundschaftsbekundungen ihrer Gesprächspartnerin verunsichert, als plötzlich eine Dienerin den Raum betrat und sich überrascht zeigte, „Ihre Hoheit“ dort anzutreffen. Roses Verwirrung und Entschuldigungen wurden von der edlen Dame mit großer Güte aufgenommen, die ihr versicherte, dass sie schon bald Beweise ihrer Zufriedenheit erhalten würde.

 

Eine kühne Weigerung im Namen der Freiheit

Kurz darauf traf tatsächlich ein Schreiben der Prinzessin im Trait Galant ein, in dem sie verlangte, dass die junge Lieferantin mit der Aussteuer der Tochter des Herzogs von Penthièvre betraut werde. So begann Rose, sich täglich zur Toilette der Braut zu begeben, für die sie zudem die frischen Blumenbuketts arrangierte – ein sehr beliebtes Modeaccessoire jener Zeit.

Das Wohlwollen von Madame de Conti brachte sie auf den Weg einer glänzenden Karriere. Von diesem Moment an wurde sie zur Hälfte am Trait Galant beteiligt, musste jedoch zunächst eine große Hürde überwinden – sowohl aus Loyalität zur Prinzessin als auch aus Angst, ihren Ruf und ihre Zukunft zu gefährden: Sie musste die Avancen des Herzogs von Chartres abwehren, des frischgebackenen Ehemanns von Mademoiselle de Penthièvre, der sogar ein Entführungsmanöver plante, um sie gefügig zu machen. Sie war sehr besorgt, doch das Schicksal führte sie bald in die Gegenwart des Herzogs, als sie sich bei der Gräfin d’Usson, einer Kundin, aufhielt. Die junge Modemacherin wagte es, sich einen Stuhl zu nehmen und sich neben den Herzog zu setzen. Die Gräfin, überrascht von diesem ungehörigen Verhalten, forderte sie auf, sich zu erklären. Rose folgte ihrer Bitte und gab an, dass der Herzog sie trotz ihrer Ablehnung zu seiner Geliebten hatte machen wollen, und sogar eine Entführung in Betracht gezogen habe. Nachdem der über so viel Kühnheit erschrockene Herzog sich von seinem Schock erholt hatte, sagte er, dass solche Reize ihm nicht verwehrt werden dürften. Rose erwiderte, dass sie sich ebenso gut mit ihm Familiaritäten erlauben könnte, wenn er eine Modeschöpferin einer wohlgeborenen, ihm zudem treu ergebenen Prinzessin vorziehe. Den entscheidenden Schlag versetzte sie ihm mit den triumphalen Worten: „Möge Seine Hoheit seinen Rang nicht vergessen, und ich werde mich an die extreme Distanz erinnern, die zwischen ihm und mir besteht.“ Der Herzog belästigte sie fortan nicht mehr.

 

Der Grand Mogol, Tempel der aufstrebenden Mode

Von diesem Moment an genoss Rose die hohe Wertschätzung aller adligen Damen, die durch die Gräfin von Usson von dem Vorfall erfuhren; und ihre Geschäfte florierten. Zu dieser Zeit, im Jahr 1770, eröffnete die 23-jährige Rose in der Rue du Faubourg Saint-Honoré ihr Modegeschäft Le Grand Mogol, das schnell großen Erfolg genoss, dank ihres Geschäftssinns und ihrer Innovationen: leichtere Silhouetten, einige Jahre später Kreationen ländlicher Kleider aus Musselin, um die Königin nach ihren zwei Schwangerschaften mit fließenden Kleidern zufriedenzustellen, Schwangerschaftskleider, äußerst extravagante Frisuren...

 

Die Liebe einer Königin

Die Prinzessin von Conti, die eine tiefe Zuneigung zu ihr entwickelt hatte, beschloss ihr Glück zu machen und führte sie bei der Verlobten des Dauphins, der zukünftigen Königin Marie-Antoinette, ein. In ihren Memoiren zeichnet Rose Bertin das Porträt der Frau, an deren Seite sie zwanzig Jahre ihres Lebens verbrachte, so: „Man stelle sich einen Teint von strahlender Weiße vor, durchsetzt mit Farben so frisch wie die Frühlingsrose; große, himmelblaue Augen, die hervorstechen; eine Stirn, gekrönt von einem Meer aus blonden Haaren…“ Sofort in den Bann der Schönheit und Anmut der Königin gezogen, widmete Rose ihr fortan eine große Bewunderung und verteidigte sie in ihren Erinnerungen leidenschaftlich.

 

Zwei goldene Kleider, um dem Himmel zu danken

Lange Zeit konnte Marie-Antoinette keine Kinder bekommen. Auf den Rat von Rose, die sie als ihre „Modeministerin“ bezeichnete und vielleicht auch als Vertraute betrachtete, begab sie sich nach Bellancourt, in der Nähe von Abbeville, um sich unter den Schutz von Notre-Dame de Monflières zu stellen. Nach der Geburt der Prinzessin Marie-Thérèse-Charlotte von Frankreich – dem einzigen der vier Kinder der Königin und Ludwig XVI., das sowohl die Krankheiten als auch die Revolution überlebte – ließ sie zwei Kleider aus goldenem Stoff für die wundertätige Statue der Jungfrau mit Kind in der Kapelle von Monflières anfertigen. Diese Statue wurde seit dem 11. Jahrhundert von Pilgern inbrünstig verehrt. Beide Gewänder, denen die Jahrhunderte nichts anhaben konnten, sind heute im alten Karmeliterkloster von Abbeville ausgestellt.

Exil, Vergessenheit und Legende

Rose Bertin blieb ihrer Königin treu, bis zum Schluss. Sie lieferte ihr sogar Kleidung ins Gefängnis. 1793 floh sie nach England, um der Schreckensherrschaft und der Guillotine zu entkommen, kehrte jedoch zwei Jahre später nach Frankreich zurück. Auch wenn sie ihr Eigentum zurückerhielt, darunter ihr Haus in Épinay, wo sie 1813 im Alter von 66 Jahren vergessen starb, gelang es ihr nicht, an ihren früheren Erfolg anzuknüpfen. Wann entschied sich Marie-Jeanne überhaupt, den Namen Rose anzunehmen, und tat sie es überhaupt? Es scheint, dass Historiker des 19. Jahrhunderts sie aus ästhetischen Gründen so getauft haben. Ebenso wird vermutet, dass Jacques Peuchet der Autor der Memoiren von Mademoiselle Bertin über Marie-Antoinette*  ist, die 1824 veröffentlicht wurden, also elf Jahre nach Roses Tod. Manche behaupten sogar, sie habe die Königin in einem verschwenderischen Rausch in den Untergang getrieben. Wie dem auch sei, zwei kleine Meisterwerke der Textilkunst haben die Zeit bis zu uns überdauert, sowie eine Geschichte, die wie ein Märchen anmutet, und uns dennoch wertvolle Einblicke in die Sitten am Hof vor der Revolution liefert.

Referenzen:

Mémoires de Mademoiselle Bertin sur Marie-Antoinette, avec des notes et des éclaircissements

Bibliothèque nationale de France – Gallica 

Und

Google Books

 

Ancien monastère du carmel de Jésus-Maria

34-36 Rue des Capucins

80100 Abbeville

 

Öffnungszeiten
Dienstags-samstags von 14:00 bis 18:00 Uhr

 

Freie Besichtigung – kostenlos
 

Führungen
Preis: 4 €/Erwachsene
Informationen/Reservierungen: Besucherservice +33 3 22 20 29 69

 

Kapelle Notre-Dame de Monflières

2 Impasse de la Chapelle

80132 Bellancourt

 

Öffnungszeiten

Die Kapelle ist das ganze Jahr über geöffnet, 7 Tage die Woche vom 1. April bis 30. September von 9:30 bis 19:00 Uhr – vom 1. Oktober bis 31. März von 9:30 bis 17:00 Uhr.

PORTRAIT Nr. 9
MANESSIER UND DIE PASSION

 

Manessier
Église du Saint-Sépulcre, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, Abbeville

 

Abseits der Hauptverkehrsadern erhebt sie sich in erhabener Schlichtheit – die Kirche Saint-Sépulcre von Abbeville. Doch wer zu erkennen vermag, was kein äußerer Glanz je vermitteln könnte, und den Entschluss fasst, ihr Tor zu passieren, dem offenbart sie ein strahlendes und zutiefst bewegendes Werk: die Kirchfenster von Alfred Manessier, einem Kind der Region, geprägt von den Picardie-Marschen und dem geheimnisvollen und außergewöhnlichen Leuchten des Krieges, wie er es selbst beschrieb. Hinter seiner flammenden Passion tritt eine intime und zugleich kollektive Erinnerung zutage.

 

Unerschütterlich im tosenden Weltwahn

Die Saint-Sépulcre-Kirche ist diskret, hält sich bedeckt; anders als die Stiftkirche Saint-Vulfran, die sich majestätisch im Herzen von Abbeville erhebt und schon von Weitem sichtbar ist – ob man über die Côte de la Justice oder die Route de Paris die Stadt betritt. Sie grüßt den Besucher auch nicht forsch wie die Kirche Saint-Gilles, die sich ohne Umschweife dem Betrachter darbietet. Nein, die Kirche des Heiligen Grabes (Saint-Sépulcre) steht bescheiden auf einem Platz, im Herzen der Stadt, und doch abseits ihres Trubels. Sie erinnert mich an einen Igel, zusammengerollt, um sich vor der menschlichen Gewalt zu schützen, die sie 1940 beinahe vollständig zerstört hätte, als ihre Gewölbe und einige ihrer Mauern einstürzten und ihre im Ersten Weltkrieg zerstörten und 1924 restaurierten Glasfenster zertrümmert wurden.

 

Alfred Manessier: das Kind und das Licht

Der 1911 im 30 km entfernten Saint-Ouen geborene Manessier, der 1993 im weit entfernten Orléans starb, verbrachte acht prägende Jahre seiner Kindheit in Abbeville. Im Jahr 1912 erwarben seine Großeltern mütterlicherseits, Ovide und Céline Tellier, ein großes Anwesen in der Grande Rue de Thuison. Dort wohnte er mit Ihnen und seinen Eltern und erlebte den Ersten Weltkrieg in einer Atmosphäre, die er als paradiesisch beschreibt und von der er erzählt: „Es war Krieg, und ich schäme mich, es zu sagen, aber ich habe außergewöhnliche Erinnerungen an Beleuchtungen, Brände, Feuerwerke, Geräusche und auch an ein Mysterium. Wir waren ständig in den Mooren, in der Natur.„* Diese Zeit löste vielleicht die Berufung zum Künstler in dem Mann aus, der im jugendlichen Alter von 13 Jahren sein erstes Aquarell in Le Crotoy schuf.

 

Ein Hohelied auf das Spiel von Licht und Farben

Manessier, der bereits in zahlreichen Kirchen in Frankreich und im Ausland Glasfenster gestaltet hatte, wurde 1982 von François Énaud, einem Inspektor der Denkmalpflege, gebeten, die Glasfenster der verwahrlosten Kirche des Heiligen Grabes  in Abbeville neu zu gestalten. Der Maler hatte mit der Bescheidenheit des religiösen Gebäudes gemeinsam, dass er sich hinter sein Werk stellte, nicht aus übertriebener Demut, sondern weil das Werk „für sich spricht.“ Die Zurücksetzung des Künstlers äußerte sich darin, dass er sich in den Dienst des Gebäudes und seiner Umgebung stellte. Nicht er bestimmte das Werk, sondern seine tiefe Verbundenheit mit diesem Ort, der für ihn eine Ära verkörperte: geprägt vom Ersten Weltkrieg, der Abwesenheit des Vaters an der Front, dem Verlust der Großmutter im Jahr 1919, dem Krankenhausaufenthalt der Mutter nahe der Kirche Saint-Sépulcre und dem Ende der Kindheit, als er in ein Internat nach Amiens geschickt wurde. Und obwohl er als Kind sich vor der Kirche mit ihrer Darstellung der Grablegung gefürchtet hatte, spendete ihm die Rückkehr dorthin als Erwachsener „Freude und Trost“. Von da an ließ er sich von seinem Glauben, seiner Inspiration, dem Ort und dem Licht leiten und schuf nach Hunderten von Skizzen und Notizen ein Meisterwerk, das nicht nur seine Unterschrift trägt, sondern auch – nach seinem Willen – die der Handwerker und Gesellen, die zu seiner Entstehung beitrugen und unten am Stabat-Mater-Fenster angebracht sind.

 

Der Triumph des Lebens

Angesichts der Grablegung, der die Kirche geweiht ist, lag für ihn nahe, als Thema der Kirchenfenster, die Passion Christi, der Tod und die Auferstehung – für ihn die Erlösung aus dem Nichts – zu wählen. Die Passion Christi, zum ersten Mal in seiner Matthäus-Passion dargestellt, begleitete Manessiers Werk bereits seit 1948. In der Kirche Saint-Sépulcre, machte er aus der Passion eine Zelebrierung des Lichts, das immer wieder aus den dunkelsten Momenten hervorbricht. Und an diesem Ort, so nah den glücklichen Jahren seiner Kindheit und wo er am 5. August 1993 beerdigt wurde, beschloss er den Zyklus seines Lebens und seines Werkes.

* Manessier. Centre national des arts plastiques de Paris. Edité par Skira, 1992.

 

Weiterführende Lektüre: Manessier. Hymne à la lumière. Vitraux de l’église du

Saint-Sépulcre d’Abbeville. Photographies : Éric Le Brun. Textes : Jean-François Cocquet

et Pierre Dhainaut. Éditions invenit.

 

Église du Saint-Sépulcre

4 place du Saint-Sépulcre

80100 Abbeville

Tel.: +33 3 22 20 27 05
Gottesdienste: https://messes.info/lieu/80/abbeville/eglise

 

Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
Église du Saint-Sépulcre, vitraux Manessier, Abbeville
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