
Atelier 27 – eine wiederendeckte Jugend



In der Rue Menchon 27 in Doullens steht eine alte Mühle; an ihre frühere Nutzung erinnert heute nur noch eine Riemenscheibe. Die Grouche, das Flüsschen, das einst ihr Mühlrad antrieb, ist hier schon längst verschwunden: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihr Lauf umgeleitet, nachdem er unter den Trümmern der zerbombten Häuser begraben worden war. Die Mühle ist das Familienhaus von Jean-Michel Abar, einem Mann mit tausend Leben, der sie in den 2000er-Jahren vollständig restaurierte und erweiterte.
Ein vertrauter Ort
Man betritt das Atelier 27 wie das Haus eines Freundes: Der Ofen, den Jean-Michel regelmäßig befeuert, schnurrt leise vor sich hin und hält den Winter fern, der das alte Gemäuer bestürmt. Zur Linken wartet ein langer Tisch aus hellem Holz, umgeben von Bistrostühlen, auf seine Stammgäste: An ihm versammeln sich jeden Samstag die Teilnehmer des Sprachcafés – eine fröhliche, kosmopolitische Runde, von der ich ein anderes Mal erzählen werde.
Dann schlendert man durch eine Abfolge von Räumen, die mit Möbeln und Gegenständen unterschiedlichster Epochen und Stile gefüllt sind – niemals widersprüchlich, stets harmonisch. Diesen Möbeln, mitunter ganz schlichten Stücken, haucht Jean-Michel Abar mit Farbe, Wachs und Fantasie neues Leben ein. Aus einem Tisch entstehen so etwa zwei Konsolen, ein anderer wird gekürzt und zum Couchtisch umgearbeitet. Stets geht es ihm darum, Verschmähtes wiederzubeleben oder abgelebten Dingen eine zweite Jugend zu schenken.

Ein zweites Leben
Schlanke Statur, heiterer Blick, sanfte, ruhige Stimme – der fast Achtzigjährige mit jugendlicher Ausstrahlung besitzt den sicheren Blick für Dinge, die sonst dem Vergessen anheimfallen würden. So auch diese beeindruckende Treppe aus Holz und Stahl, die – als er sich in sie verliebte – eigentlich für den Sperrmüll bestimmt war. Heute dient sie als Präsentationsfläche, und unwillkürlich stellt man sich Kinder vor, die auf ihren Stufen hocken, sich Geheimnisse zuflüstern und dabei die Erwachsenen beobachten.
Bei Jean-Michel entdeckt man außerdem einen sogenannten Flaschenigel, auf dem keine Flaschen trocknen, sondern der sich in eine Art Weihnachtsbaum verwandelt hat und mit großen, bunten Garnspulen behängt ist; einen konzentriert wirkenden Teddybären an einem Schulpult; eine hölzerne Kinder-Tankstelle in honigfarbenem Holz, poetisch Les Baladins – die Gaukler – genannt; drei heilige Theresien, die über den Laden zu wachen scheinen; allerlei Gemälde – und sogar eine Tuba, die sich für eine unerwartete zweite Karriere als Leuchte entschieden hat und aus der eine Lichtkugel aufzusteigen scheint. All diese Schätze sind mit der Kunst einer natürlichen Nonchalance im Raum verteilt und schaffen die Atmosphäre eines einladenden Zuhauses, in dem Bücher überall ihren Platz finden: auf Möbeln, Tischen, Beistelltischen und manchmal einfach in kleinen alten Holzkisten, stets gegenwärtig, aber ohne sich je aufzudrängen.
Erinnerungen an die Kindheit und Begegnung mit einer Legende
Ein Gemälde mit Blick durch ein offenes Fenster auf einen blühenden Kirschbaum und mit einer Vase voller Schlüsselblumen im Vordergrund hat mich besonders berührt. Es erinnerte mich an die Wochenenden in der Somme, als mein Bruder und ich als Kinder diese zarten Boten des Frühlings büschelweise pflückten – flüchtige Fortsetzungen unserer Streifzüge durch die Natur. Zwei Räume weiter finden drei auf einem Tablett arrangierte Herbarien eine Entsprechung dazu: Keine wissenschaftlichen Namen, kein besonderes Bemühen, die Pflanzen dauerhaft zu fixieren; sie scheinen vielmehr aus dem Wunsch heraus entstanden zu sein, Augenblicke der Freiheit in der Natur heraufzubeschwören.
Als Trödler und Dekorateur, als Liebhaber von Dingen, die gelebt haben und weiterleben sollen, wird Jean-Michel regelmäßig von seiner Tochter Anne-Sophie Baryga unterstützt, Innenarchitektin von Beruf. Mit Stolz und Zärtlichkeit zeigt er mir die Widmung, die sie in ihr erstes Buch mit dem Titel sodeco geschrieben hat: „Papa, du hast mir die Gabe der Kreativität und des Zeichnens geschenkt…“ Die beiden verbindet eine große Nähe, Bande, die durch den Verlust von Jean-Michels Ehefrau im Jahr 2005 noch enger geworden sind.
Zuvor hatte dieser vielseitig begabte Mann lange Zeit seine eigene Werbeagentur in Lille geleitet und war unter anderem Teil der Équipe Cousteau gewesen, wo er die Redaktion und Herausgabe des Calypso Log, der Zeitschrift der Cousteau Society, mitgestaltete. Nach seinem Einstieg im Jahr 1995 begegnete er dem Kommandanten zwar nur selten. Doch erinnert er sich mit Vergnügen – und einem Hauch von Stolz – an ihre erste Begegnung, bei der ihm der Pionier der modernen Ozeanografie schon sehr bald versicherte, dass sie gemeinsam gute Arbeit leisten würden. Zu seinem Abschied vom Calypso Log im Jahr 2002 erhielt er ein Stück der Schiffshülle der Calypso, die 1996 in Singapur gesunken war. Er bewahrte es einige Jahre auf, bevor er es dem Musée Lombart in Doullens schenkte – zusammen mit zahlreichen Fotografien aus der Unterwasserforschung und T-Shirts der Équipe Cousteau.
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Rückkehr zur Fülle
Nach dem Tod seiner Ehefrau beschließt Jean-Michel, nach Doullens zurückzukehren, wo seine Familie die alte Mühle in der Rue Menchon besitzt. Er macht sich an ihre Restaurierung. Sie wird zu seiner Therapie, um den Schmerz und die Unwägbarkeiten des Lebens zu überwinden, die ihn auf die Probe gestellt haben. Zunächst richtet er sich im ersten Stock eine Wohnung ein, dann widmet er sich dem Rest, erweitert das Gebäude und beginnt, Möbel und Gegenstände zu restaurieren, zu verwandeln und zweckzuentfremden – bis seine Tochter ihn schließlich dazu ermutigt, ein Geschäft zu eröffnen, aus dem das Atelier 27 hervorgeht, das er liebevoll sein „letztes Herzensprojekt“ nennt.
Fern vom Trubel der Werbewelt und den Sorgen eines Unternehmers hat Jean-Michel so eine Lebensform gefunden, die ihm Zufriedenheit schenkt – im ursprünglichen Sinn des Wortes, das heißt ein Dasein, das ihn erfüllt und ihm ein Gefühl des inneren Gleichgewichts vermittelt. Gerne erinnert er sich an sein Leben zwischen Lille und Paris, an seine Leidenschaft für Ferrari, die ihn dazu brachte für den Rotary Club, das Event Fait rarissime ins Leben zu rufen, ein jährliches Treffen prachtvoller Sportwagen, organisiert zugunsten kranker Kinder und jedes Jahr von Tausenden von Besuchern frequentiert. Er spricht auch von seinem Engagement bei der Wiederinbetriebnahme des touristischen Zuges von Saint-Valery-sur-Somme sowie von der Organisation des Dampffestes, das im April stattfindet – all dies mit der Gelassenheit eines Menschen, der den Augenblick genießt, an einem Ort, an dem die Zeit in den Hintergrund tritt und ihn kaum noch zu berühren scheint.

Atelier 27
27 rue Menchon
80600 Doullens
Tel.: +33 6 03 24 04 05
E-Mail: doullens.atelier27@gmail.com
Facebook : Atelier 27
Instagram : atelier27doullens
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag, von 10:00 bis 12:00 Uhr und von 15:00 bis 19:00 Uhr























